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Literaturnobelpreis für Herta Müller : Mit der Tinte die Schatten vertreiben

  • -Aktualisiert am

Herta Müller Bild: Daniel Nauck

Die Auszeichnung von Herta Müller ist eine künstlerisch überzeugende Wahl - was ihre politische Signalwirkung nicht mindert. Diese Entscheidung ist eine der einleuchtendsten, die die Schwedische Akademie seit langem getroffen hat.

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          Die englischen Buchmacher scheinen einen bemerkenswert guten Draht zur notorisch geheimniskrämerischen Schwedischen Akademie zu haben. Denn obwohl sie Herta Müller zuletzt als Favoritin gehandelt hatten, ist die Nachricht, dass die Schriftstellerin, die 1953 im banatschwäbischen Rumänien geboren wurde und 1987 aus der barbarischen Diktatur Ceausescus nach Berlin floh, den diesjährigen Nobelpreis für Literatur tatsächlich erhält, eine absolute Überraschung, ja eine Sensation. Nun ist die Stockholmer Akademie für Überraschungen immer gut, für Sensationen seltener – der Diskussionsstoff, für den ihre Entscheidungen immer wieder sorgen, macht seit hundertundacht Jahren einen nicht unerheblichen Teil des Reizes dieses Preises aus.

          Nach Günter Grass vor zehn Jahren und Elfriede Jelinek 2004 ist dies das dritte Mal in einer – nach weltliterarischer Zeitmessung – extrem kurzen Spanne, dass ein Autor deutscher Sprache mit dem wichtigsten Literaturpreis der Welt bedacht wird. Die Auszeichnung von Herta Müller ist, nicht nur, aber auch in der Reihe dieser drei, die einleuchtendste Entscheidung, die von der Stockholmer Akademie seit langem getroffen wurde. Handelt es sich doch um eine eminent literarische und künstlerische überzeugende Wahl – was ihre politische Signalwirkung nicht mindert. In der knappen Begründung heißt es, Herta Müller zeichne „mittels der Verdichtung der Poesie und der Sachlichkeit der Prosa Landschaften der Heimatlosigkeit“. Anders als das Kuratorium der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, die den Büchner-Preis vergibt, haben die Schweden ganz offensichtlich nicht nur die bisherigen Werke Herta Müllers gelesen, sondern auch ihren neuen Roman „Atemschaukel“. Und möglicherweise hat dieses Buch den Ausschlag gegeben, der mit sechsundfünfzig Jahren nicht nur nach Akademiemaßstäben jungen Autorin die Auszeichnung gerade jetzt zu verleihen und nicht erst in einigen Jahrzehnten.

          Denn mit „Atemschaukel“, dem fiktionalen Bericht des jungen Hermannstädters Leopold Auberger, der mit siebzehn Jahren im Januar 1945 in ein sowjetisches Arbeitslager deportiert wird, hat Herta Müller ihr großes literarisches Thema des Lebens in der Diktatur nicht verlassen, doch entscheidend erweitert.

          Schriftstellerin Herta Müller : „Ich bin die Person, die ich bin“

          Ein Erinnerungsbuch für Oskar Pastior

          Das Buch, von einer unerhörten sprachlichen wie gedanklichen Intensität, ist in jeder Hinsicht eine Steigerung, ein Fanal des Hungers, der Kälte und der Einsamkeit. Diese Steigerung, ein Über-sich-selbst-Hinauswachsen im wahrsten Sinn, rührt möglicherweise auch daher, dass Herta Müller diesen Roman weniger für sich als für ihren engen Freund, den großen Sprachschöpfer und Dichter Oskar Pastior, geschrieben hat, der während der Arbeit an dem Buch, das eigentlich eine Gemeinschaftsarbeit werden sollte, starb.

          Doch nicht allein ihm hat Herta Müller mit „Atemschaukel“ ein Denkmal gesetzt, sondern sondern auch ihrer Mutter und all jenen Angehörigen der deutschsprachigen Minderheit im Banat und in Siebenbürgen, die als Zwangsarbeiter in sowjetischen Lagern die nationalsozialistischen Verbrechen büßen sollten – ein Thema, das unter Ceausescu zum staatlich verordneten Tabu wurde. Wovon ein ganzes Land bis heute schweigt, davon erzählt Herta Müller ebenso wie von der traumatischen Erfahrung der Diktatur Ceausescus selbst.

          Wie man Angst mit Worten bannt

          Mit ihren Romanen „Der Fuchs war damals schon der Jäger“ (1992), „Herztier“ (1994) und „Heute wäre ich mir lieber nicht begegnet“ (1997) hat die Autorin eine Trilogie über das Leben in einem totalitären Überwachungsstaat geschaffen, der selbst die engsten zwischenmenschlichen Beziehungen unterhöhlt. Dafür wird sie in Rumänien bis heute als Nestbeschmutzerin verunglimpft; noch als sie im vergangenen Jahr nach Bukarest reiste, so hat sie es erst kürzlich in einem zutiefst verstörenden Aufsatz in der „Zeit“ geschildert, wurde sie beschattet.

          Das bis heute wiederkehrende Thema ihrer ersten Bücher war ihre Kindheit im Banat, das repressive, paternalistisch-ritualisierte Leben im Dorf, die harte Arbeit der Eltern in der Kolchose. In dem gerade erschienenen Hörbuch „Die Nacht ist aus Tinte gemacht“ (Verlag supposé) erzählt Herta Müller im Gespräch von dieser Einübung der Angst, aber auch von der Entdeckung, dass sich die Angst durch Worte bannen lässt. Ein Lehrer, der die Begabung des Mädchens erkannte, sorgte dafür, dass sie in die Stadt aufs Gymnasium kam.

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