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Jugendbuchautorin Meg Rosoff : Pferdemädchen kommen überallhin

Bild: Meg Rosoff

„Jeder ist cooler als ich“, sagt Meg Rosoff, als sie in ihrem Londoner Garten die Windhunde streichelt. Aber das ist nur ihr grimmiger Humor. Ihre Jugendbücher sprengen die Gattungsgrenzen. Und auch die der Pubertät.

          Ihre Helden sind im schwierigsten Alter. Wenn sich das Hirn neu sortiert, aus dem Kind ein Jugendlicher wird. Wenn sie nicht wissen, ob sie Männchen oder Weibchen sind. Einige verstehen zu kommunizieren ohne Worte, können Gedanken lesen wie die englischen Cousins, die ungeniert rauchen und den Jeep steuern. Andere sprechen mit ihren Blicken, wie der einjährige Bruder des fünfzehnjährigen David. Der wirft seine Spielsachen in einen Schirmständer, aus dem er sie nicht mehr befreien kann. Während der große Bruder darüber nachdenkt, warum kleine Kinder so unsinnige Spiele spielen, antwortet ihm der Einjährige stumm, aber deutlich: „Ich spiele gar nicht. Ich denke übers Fallen nach.“ Von solchem Zuschnitt sind die Zwischenwesen der Meg Rosoff. Ganz normale Pubertierende also, und doch jenen entscheidenden Meter verrückt aus einer Realität, die Erwachsene sich angewöhnt haben, für wirklich zu halten.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Offiziell sind das Bücher für Jugendliche. Drei der vier außergewöhnlichen Romane liegen in der den trockenen, lyrischen Ton sehr gut treffenden Übersetzung von Brigitte Jakobeit im „Harry Potter“-Verlag Carlsen vor. Aber Rosoff trennen Welten von J. K. Rowling oder auch von Stephenie Meyer. Erwachsene, die sich sicherheitshalber in diesem Segment tummeln, weil ihnen altersgemäße Belletristik zu hoch ist, erfahren bei ihr, was eine Literatur schafft, wenn sie nicht mit Plot und Spannungshandwerk, sondern mit sprachlicher Kunstfertigkeit und schillernden Figuren besticht.

          Der Weg in diese Phantasiewelten beginnt irgendwann in den achtziger Jahren des achtzehnten Jahrhunderts, im osteuropäischen Judentum. Familie Rosowski wandert in die Vereinigten Staaten aus – Pogrome haben schon zu vielen Juden das Leben gekostet. In der neuen Heimat anglisieren sie den Nachnamen zu Rosoff und machen ihren Weg. Meg Rosoffs Vater beispielsweise war Chirurg an der Harvard Medical School in Boston. Seine Tochter, Jahrgang 1956, hat sich dem Schöpfungsplan ihrer Mutter verweigert und hat keinen jüdischen Ostküstenmediziner geheiratet. Sie hat den Rückweg in die Alte Welt angetreten, lebt im Londoner Stadtteil Highbury, in einem Reihenhaus mit großem Garten. Eine zwölfjährige Tochter, ein malender Gatte und zwei Hunde komplettieren den Künstlerhaushalt.

          Zu den Punks geflohen

          Eine kräftige, lebhafte Frau, leidenschaftlich gestikulierend. Die unvermeidliche dunkle Designerbrille riegelt ihr Gesicht ab, wenn sie die Brille abnimmt, wirkt sie verletzlicher, weniger selbstgewiss. Aber ihren kernigen jüdischen Humor behält sie in jeder Situation. Blue und Juno, ihre beiden Windhunde, liegen faul in der Herbstsonne. Es sind Lurcher, Diebeshunde, so genannt, weil sie häufig von Zigeunern auf den Britischen Inseln zum Wildern abgerichtet wurden. Sie bilden eine Brücke in den unlängst erschienenen vierten Roman „The Bride’s Farewell“, der in den fünfziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts in der Gegend von Salisbury spielt, also mitten im Thomas-Hardy-Land. Rosoff ist überzeugt, dass es dieses grüne England Hardys noch immer gibt, mit seinen Gutsherren, Pferde- und Hundezüchtern, Jägern, Wilderern, fahrendem Volk. Als Schülerin in der Vorstadt von Boston habe sie Hardy gelesen und ihn „ganz furchtbar“ gefunden. Nun schreibt die Pferdenärrin selbst in dieser Tradition die Geschichte eines armen Mädchens, das Reißaus nimmt am Tag ihrer Hochzeit.

          Geflohen ist auch Meg Rosoff: aus der Enge von Suburbia, nach London. 1977 war das, Punks regierten das Land, und Meg wurde eine von ihnen. Eine väterliche Rückrufaktion an die Universität nach Harvard hielt nicht lange vor, sie hatte sich ihrem Land entfremdet und eine neue Heimat entdeckt. Das Amerika ihrer Kindheit, die unbeschwerten Sommer auf Martha’s Vineyard, als die Insel noch keine Prominentenhochburg war, nahm sie mit als Erinnerung. Heute erträgt sie das alles nicht mehr, Amerika sei ein krankes Land – endgültig seit dem 11. September 2001. Sicher, auch in England sei die Mittelklasse fürchterlich, aber England halte eben seiner Leidenschaft für Exzentriker die Treue.

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