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Deutscher Buchpreis 2009 : Nicht Herta Müller, sondern Kathrin Schmidt

Bild: FAZ.NET - Andreas Brand

Die Jury hat Buchpreisgeschichte geschrieben. Eine in Berlin lebende Schriftstellerin erhält den Deutschen Buchpreis 2009, aber nicht die Nobelpreisträgerin Herta Müller - sondern Kathrin Schmidt für ihren Roman „Du stirbst nicht“. Mit Video-Interview.

          Die Jury hat gesprochen, und damit schon in diesem Augenblick Geschichte geschrieben, Buchpreisgeschichte zumindest. Denn der wichtigste deutsche Literatur-Preis geht im Jahr 2009 zwar an eine in Berlin lebende Schriftstellerin, die aus innerer Isolationshaft kommend im Schreiben den Versuch unternimmt, sich in einem biographisch grundierten Roman Stück für Stück die Welt zurückzuerobern. Doch wird nicht etwa Herta Müller an diesem denkwürdigen Montagabend im Frankfurter Römer mit dem Deutschen Buchpreis geehrt, sondern - zur allgemeinen Verblüffung - Kathrin Schmidt.

          Sandra Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die 1958 in Gotha geborene Autorin wird für ihren bereits im Frühjahr erschienenen Roman „Du stirbst nicht“ geehrt, der das Albtraumszenario einer Frau entwirft, die nach einer Gehirnblutung ihre Sprache verloren hat. Die Sprache verschlagen hat es in diesem Moment einigen im überfüllten Kaisersaal, und das nicht, weil der Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Gottfried Honnefelder, den Vornahmen der Preisträgerin verwechselt. Denn auch wenn Kathrin Schmidts eindringliche Leidens- und Genesungsgeschichte, in der sich ein Mensch ohne Sprache durch Sprache befreit, literarisch wie poetologisch glänzt und über den Erlebnisbericht hinausreicht, weil die Krankheit hier vor allem Anlass zu komplexen Reflexionen über die Wechselwirkungen von Sprache und Identität bietet, kann die Entscheidung nicht losgelöst vom Nobelpreis betrachtet werden.

          Spannend wie kaum je zuvor

          Indem die Stockholmer sich bei der Shortlist des Deutschen Buchpreises bedienten, als sie Herta Müller nicht nur für das Oeuvre, sondern eben auch für ihren bezwingenden Roman „Atemschaukel“ (Literaturnobelpreis 2009 für Herta Müller) über den Schrecken der stalinistischen Arbeitslager auszeichneten, katapultierten sie die Deutschen Jurykollegen in ein Dilemma: Eine planetarische Konstellation, wie sie nur einmal alle hundert Jahre vorkommt, meinte der Moderator des Abends Gert Scobel. Hätte man für Herta Müller votiert, wäre dies womöglich untergegangen im Nobelpreisgetöse. So aber hat sich die Jury über alle Bedenken hinweggesetzt und anders entschieden: Spannend, das zumindest steht fest, war es beim Buchpreis wie kaum je zuvor.

          Die Siegerin: Kathrin Schmidt

          In der Begründung der Jury hieß es mit Blick auf die Preisträgerin: „Mal lakonisch, mal spöttisch, mal unheimlich schildert der Roman die Innenwelt der Kranken und lässt daraus mit großer Sprachkraft die Geschichte ihrer Familie, ihrer Ehe und einer nicht vorgesehenen, unerhörten Liebe herauswachsen.“ Honnefelder sagte: „Auswahl ist nie wirklich gerecht, aber im Streit um die Qualität ist sie nicht nur unvermeidbar, sondern auch gerechtfertigt, solange sie an nichts anderem als am Maßstab der Qualität orientiert ist.“ Wer vor allem beim Deutschen Buchpreis gewinne, „ist die Literatur selbst“, fügte er hinzu.

          Sie ist Mutter von fünf Kindern

          Schmidt, 1958 in Gotha/Thüringen geboren, hatte 2002 selbst eine Hirnblutung erlitten und war lange Zeit unfähig zu sprechen (Kathrin Schmidt im Porträt: Rückeroberung der Welt). Die Mutter von fünf Kindern arbeitete vor ihrer Schriftstellerkarriere unter anderem als Psychologin und Sozialwissenschaftlerin. In der DDR publizierte sie Gedichte und erhielt 1988 den Anna-Seghers-Preis. Nach der Wende wurde sie 1993 mit dem Leonce-und-Lena-Preis und 1998 dem Heimito-von-Doderer-Preis ausgezeichnet. In ihrem stark autobiografisch geprägten Roman erzählt Schmidt die Geschichte einer Frau, die nach einer Hirnblutung im Krankenhaus aus der Bewusstlosigkeit erwacht. Langsam erobert sie sich die Welt zurück (F.A.Z.-Rezension: „Du stirbst nicht“ von Kathrin Schmidt). Schmidt hatte für das Buch jüngst auch den renommierten „Preis der SWR-Bestenliste 2009“ erhalten.

          Der Deutsche Buchpreis ist mit insgesamt 37.500 Euro dotiert, der Sieger erhält davon 25.000 Euro. Neben Kathrin Schmidt und Herta Müller waren auch Rainer Merkel („Lichtjahre entfernt“, F.A.Z.-Rezension: „Lichtjahre entfernt“ von Rainer Merkel), Norbert Scheuer („Überm Rauschen“, F.A.Z.-Vorabdruck: „Überm Rauschen“ von Norbert Scheuer), Clemens J. Setz („Die Frequenzen“, Rezension: „Die Frequenzen“ von Clemens J. Setz) und Stephan Thome („Grenzgang“, Rezension: Stephan Thomes „Grenzgang“) ins Finale der letzten sechs gekommen. Die siebenköpfige Jury hatte insgesamt 154 Titel gesichtet, die seit Oktober vergangenen Jahres erschienen sind. Alle deutschsprachigen Verlage konnten je zwei Romane aus ihrem aktuellen Programm einreichen.

          Der Deutsche Buchpreis, vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels vergeben, hat sich in wenigen Jahren zur Auszeichnung mit der größten Publikumsresonanz in Deutschland entwickelt. 2008 ging die Auszeichnung an Uwe Tellkamp für seinen Roman „Der Turm“ (Video: Buchpreisträger Uwe Tellkamp im Interview). Preisträger der Vorjahre waren Julia Franck („Die Mittagsfrau“, Deutscher Buchpreis 2007 für Julia Franck), Katharina Hacker („Die Habenichtse“, Katharina Hacker bekommt den Deutschen Buchpreis) und Arno Geiger („Es geht uns gut“, Deutscher Buchpreis für Arno Geiger).

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