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Christian Y Schmidt im Interview : Rottet die Pandas lieber doch noch nicht aus!

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Drei Chinesen mit den Wonderbras: In „Panda Town” in Peking kostet das Stofftier 30 Dollar Bild: Reuters

Christian Y Schmidt ist Humorflüchtling: Ehemals für die „Titanic“ tätig, hat es ihn 2005 nach Peking verschlagen. Das, was man hierzulande von China denkt, hält der Autor der „Bliefe von dlüben“ für einen schlechten Witz. Ein Interview von Oliver Jungen.

          Christian Y Schmidt ist Humorflüchtling: Ehemals für die „Titanic“ tätig, hat es ihn 2005 nach Peking verschlagen. Seither berichtet er aus der Metropole unsere Jahrtausends. Seine Kolumnen sind soeben gebündelt als „Bliefe von dlüben“ bei Rowohlt Berlin erschienen. Das, was man hierzulande von China denkt, hält er für einen schlechten Witz.

          Christian, du bist renommierter Witzexperte. Worüber lacht der Chinese?

          Die Chinesen lachen am liebsten aus Schadenfreude. Du kannst den Pekingern keine größere Freude machen, als wenn du dich vor ihnen auf die Fresse legst oder gegen einen Laternenpfahl läufst.

          China ist schon sehr deutsch: Christian Y Schmidt lebt in Peking

          Klingt nach Buster Keaton, dabei läuft doch in Peking ein ganz anderer Film. Mal grob geschätzt: Wie viel tausend Jahre ist, sagen wir, Münster im Rückstand?

          Münster? Was ist Münster? War das nicht mal eine Stadt im Mittelalter? Mit Pest und allem Drum und Dran? Gibt es die denn noch?

          Aber du hast sogar das hammerbreite Berlin im Sinn, wenn du schreibst, in Deutschland sei alles „so klein und mickrig“.

          In Berlin mag es ja ein paar breite Straßen geben, aber im Vergleich zu Peking sind die leer. Und das höchste Haus, die längste Rolltreppe, den schönsten Fluss und den zweitgrößten Ikea gibt es ja wohl nur in China. Außerdem sind bei uns die leistungsfähigsten Apfelsaftkonzentrathersteller der Welt zu Hause. Was hat dagegen Berlin zu bieten? Das Prekariat, das Alexa am Alexanderplatz und um die hundert Aldis. Im Ernst: Will jemand den Mount Everest mit dem Kreuzberg vergleichen?

          Da steckt ja so eine Winckelmann-These dahinter: großer Ort, große Gedanken. Der Platz des Himmlischen Friedens ist aber doch eigentlich nur ein Flughafenrollfeld in teuerster Lage.

          Schon wieder falsch. Am Qianmen, das am südlichen Ende des Platzes des Himmlischen Friedens liegt, wohnen traditionell die ärmsten Pekinger. Und als Flughafenrollfeld taugt der Platz nun wirklich nicht. Ein startendes oder landendes Flugzeug würde unweigerlich mit dem Mao-Mausoleum in der Mitte des Platzes kollidieren. Und dann hätte man den Salat beziehungsweise Nine Eleven hoch drei.

          Dann umgekehrt gefragt: Bringt nicht das Gequetschte erst das Konzentrierte hervor? Warum kommen sonst unsere Superpowerdenker aus der Provinz?

          Gequetscht können wir Chinesen aber auch, nicht nur in der U-Bahn. Auf dem Mount Everest drängen sich inzwischen die Rentner aus aller Welt. Es gibt in China eigentlich nichts, was es nicht gibt. Außer Solarien wahrscheinlich. Die sind mir jetzt in Deutschland wieder aufgefallen. Ich hatte vergessen, dass es so etwas gibt. In China ist mir noch kein einziges Solarium begegnet.

          Ansonsten klingt es in deinem Buch aber so, als wäre China ziemlich deutsch: gehäkelte Fernsehüberzüge, im Radio ständig „Lemon Tree“ von Fool’s Garden aus Möttlingen. Und der Transrapid fährt bei euch ja auch herum.

          China ist schon sehr deutsch. Und die Deutschen sind in China sehr beliebt. Nicht umsonst ist die wörtliche Übersetzung des Wortes für Deutscher (De Guo Ren) „Tugendlandmensch“. Für mich geht jedenfalls immer der Daumen hoch, wenn ich in China sage: Ich bin Deutscher. Darum sind viele Chinesen ja auch so enttäuscht darüber, dass China ausgerechnet in Deutschland über das normale Maß hinaus gebasht wird. So etwas tut man nicht mit guten Freunden. Jedenfalls nicht in China.

          Aber welches Deutschland! Brüllen und Rotzen ohne Hemmungen, am liebsten nackt herumlaufen und dazu in allen Restaurants Hinweisschilder, dass übermäßiger Krawall nicht erlaubt ist. Man könnte glauben, es sei von Köln die Rede.

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