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Amos Oz im Interview : Meine bösen deutschen Nächte

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Die Edition Suhrkamp im Rücken: Amos Oz stattete dem bald vakanten Verlagsgebäude seinen Abschiedsbesuch ab Bild: Frank Röth

Amos Oz kommt nicht zur Buchmesse. Wir haben ihn trotzdem in Frankfurt erwischt. Thomas David sprach mit ihm über die Schatten der Geschichte, die Überraschung Herta Müller und die Erotik des Schreibens.

          Amos Oz kommt nicht zur Buchmesse. Wir haben ihn trotzdem in Frankfurt erwischt: Thomas David sprach mit ihm über die Schatten der Geschichte, die Überraschung Herta Müller und die Erotik des Schreibens.

          Herr Oz, Sie sind dieser Tage mit „Geschichten aus Tel Ilan“, Ihrem neuen Buch, auf Lesereise in Deutschland. Bleibt da noch Zeit für eigene Lektüre?

          Aber ja. Ich lese im Augenblick die hebräische Übersetzung von „Gnade“, Toni Morrisons jüngstem Roman. Ein ganz wunderbares Buch.

          Weshalb lesen wir eigentlich Romane?

          Weil es ein großes Vergnügen ist, an ihrer Erschaffung teilzuhaben. Wenn man einen Roman liest, ist man der Ko-Autor oder der Aufführende. Es ist, als ob einem der Autor die Noten geliefert hätte und man den Roman wie ein Stück Musik spielen könne. Wenn ein Roman einen Sonnenuntergang beschreibt, muss der Leser seinen eigenen Sonnenuntergang zu dem Buch beisteuern; erzählt der Roman von unerwiderter Liebe, muss der Leser die eigene unerwiderte Liebe einbringen. Mit einem Roman verhält es sich anders als mit einem Bild, einer Theateraufführung oder einem Kinofilm, die alle ganz direkt die Sinne ansprechen. Wenn man jedoch einen Roman aufschlägt, sieht man nichts als tote Ameisen im Schnee. Es ist die Kunst, diese Ameisen in Bilder, Gerüche, Geräusche und Erfahrungen zu verwandeln, die das Lesen zu einem so großen Vergnügen macht.

          Welche Erfahrungen verdanken Sie der deutschen Literatur?

          In den fünfziger Jahren, als Teenager und in meinen frühen Zwanzigern, habe ich Deutschland so sehr verabscheut, dass ich schwor, nie deutsche Produkte zu kaufen, Deutschland nie zu besuchen und nie deutsche Freunde zu haben. Das einzige, das ich nicht boykottieren konnte, war die deutsche Literatur, weil ich sonst das gleiche getan hätte, wie die Nazis. Ich las also in Übersetzung die Romane von Heinrich Böll, von Siegfried Lenz, Günter Grass und Ingeborg Bachmann - die Bücher aller großen Autoren der deutschen Nachkriegsliteratur. Und diese Schriftsteller öffneten mir die Augen und das Herz, sodass ich Deutschland nicht länger verachten konnte. Sie boten mir Gelegenheit, meine eigenen Vorurteile zu zerschlagen, und als ich Deutschland 1982 zum ersten Mal besuchte, war ich durch das Lesen dieser Bücher vorbereitet.

          Wie erleben Sie auf Ihrer Lesereise das Deutschland des Jahres 2009?

          Ich zögere ein wenig, mich über das heutige Deutschland zu äußern, weil ich auf der Lesereise zwar meinen Lesern, einigen Journalisten und Mitarbeitern meines Verlages begegne, aber das ist längst nicht genug, um sich ein Bild von der Gesamtheit des Landes zu machen. Das Publikum bei meinen Lesungen erscheint mir warmherzig, neugierig und aufgeschlossen, und darüber bin ich sehr erfreut. Ist dies ein repräsentativer Eindruck? Ich weiß es nicht. Aber ich kann auf eine Frage antworten, die Sie gar nicht gestellt haben, und Ihnen sagen, dass mich auch nach mehr als zwanzig Besuchen in Deutschland ein eigenartiges Gefühl überkommt, sobald ich nachts auf meinem Hotelzimmer allein bin. Tagsüber ist alles in Ordnung, ich unterhalte mich angeregt mit den Menschen, denen ich begegne, ich kann über Witze lachen und ich kann welche erzählen: Aber sobald ich in Deutschland oder Österreich des Nachts allein in meinem Zimmer bin, habe ich ein eigenartiges Gefühl, das ich von Besuchen in anderen Ländern nicht kenne.

          Was sagt Ihnen dieses Gefühl?

          Es sagt mir etwas, das ich als Geschichtenerzähler natürlich ohnehin weiß: Dass die Vergangenheit niemals vollständig vergeht.

          Inwiefern ist Ihr Werk von Erinnerung und persönlicher Erfahrung bestimmt?

          Erinnerung und Erfahrung sind die Auslöser meiner Arbeit, was jedoch nicht bedeutet, dass ich in meinen Büchern ausschließlich meine Erinnerungen aufschreibe. Ein Apfel geht aus Erde, aus Sonnenschein und dem Apfelbaum hervor und ähnelt dennoch weder dem einen noch dem anderen. So verhält es sich auch mit einem Roman. Meine Bücher entstehen aus der Erinnerung und aus der Angst vor der Vergessenheit, und doch haben sie wie der Apfel ein ganz eigenes Leben.

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