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Türken in Frankfurt : Von wegen Döner

„Die Chancen sind auch für türkische Kinder da, sie müssen den festen Willen haben, sie zu nutzen”: Die Frankfurter Zahnärztin Ezhar Cezairli Bild: agata skowronek

Gastland Türkei: Der Anspruch der Buchmesse, Brücken zu bauen, ist im Unternehmertum schon stärker verwirklicht, als es die Klischees glauben machen. Wer im Rhein-Main-Gebiet näher hinsieht, entdeckt eine qualifizierte Elite ohne Dünkel.

          Sie arbeiten als Zahnärzte, Steuerberater und Rechtsanwälte, betreiben international aufgestellte Unternehmen der Computersparte und anderer Branchen. Natürlich gibt es auch den türkischen Kebabstandbetreiber, den Gemüsehändler, die türkische Änderungsschneiderei und den Fabrikarbeiter, der Jahrzehnte bei Opel oder sonstwo am Band gearbeitet, aber die deutsche Sprache nie richtig gelernt hat. Der womöglich deshalb misstrauisch gegen die Kultur des Landes ist, in dem seine Kinder geboren oder erwachsen geworden sind.

          Jochen Remmert

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, zuständig für Flughafen und Offenbach.

          Die Lebenswirklichkeit der türkischstämmigen Männer, Frauen und Kinder in Deutschland im Jahr 2008 spiegeln diese Stereotype trotzdem nicht einmal annähernd wider, schon gar nicht die in der Metropolregion Frankfurt und Rhein-Main.

          Ein Beispiel: Ezhar Cezairlis Vater war Konditor. Um bessere Chancen auf dem deutschen Arbeitsmarkt zu haben, schulte er noch in der Türkei auf Schweißer und Schlosser um, bevor er Anfang der siebziger Jahre mit Frau und vier Kindern, darunter die damals knapp zehnjährige Ezhar, die Heimatstadt Antakya (in der Antike Antiochia) im Süden der Türkei verlässt.

          Von der Offenheit des Vaters profitiert

          „Meinen Eltern ist die Bildung ihrer Kinder immer sehr wichtig gewesen, wir sollten es einmal besser haben“, erinnert sich die promovierte Zahnmedizinerin, die heute eine eigene Praxis in Frankfurt betreibt. Um den schließlich fünf Kindern eine möglichst gute Ausbildung zu ermöglichen, arbeitete ihre Mutter, die in der Türkei noch Hausfrau gewesen ist, als Näherin. Die Kinder profitierten auch von der Neugier und Offenheit des Vaters für Unbekanntes, die Familie reiste in den Ferien mit dem Auto durch Europa. Einmal war das Ziel sogar Ost-Berlin, der Vater wollte sich einen Eindruck vom anderen Teil des damaligen Deutschlands verschaffen. „Die Kassetten mit der türkischen Musik mussten wir vorher aus dem Auto räumen“, erinnert sich Cezairli.

          Sie und ihr Mann, Unternehmer in der Textilbranche, und die beiden Kinder des Paares gehören zu den Privilegierten unter den knapp 270.000 in Hessen lebenden Frauen, Männern und Kindern türkischer Herkunft, dessen ist sich Cezairli bewusst.

          Und sie weiß auch, dass sie das wohl kaum erreicht hätte, wenn ihre Eltern eben nicht der Bildung der Kinder so große Bedeutung beigemessen hätten. Genau darin sieht Cezairli, die neben ihrem Beruf die säkularen Muslime in der Deutschen Islamkonferenz vertritt, die Pflicht der türkischen Eltern. Die Chancen seien auch für türkische Kinder da, sie müssten allerdings auch den festen Willen haben, sie zu nutzen. Doch gerade an der Hilfe der Eltern fehle es oft.

          Das dreigliedrige Schulsystem, das die Kinder frühzeitig trennt, hält sie allerdings im Blick auf die Integration und Chancen für Kinder ausländischer Herkunft nicht für ideal. Und obwohl sie ausdrücklich zuerst einmal die Eltern in der Verantwortung sieht, ist es aus ihrer Sicht dringend geboten, die Schulen besser auszustatten, um im Ernstfall dort zu unterstützen, wo vom Elternhaus eben keine Hilfe und kein Anstoß kommt. Cezairli argumentiert, dass sich es Deutschland schon angesichts der demographischen Entwicklung nicht erlauben könne, diesem Teil seiner Bevölkerung nicht mit allen Kräften zu fördern.

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