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Türkei : Gastarbeiter, Ehrengast

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Staatsgründer Atatürk rezitierte gern Gedichte: Die Lyrik hat in der Türkei eine längere Tradition als der Roman Bild: AP

Istanbul und Anatolien, Ost und West: Die aktuelle türkische Literatur hat alles Provinzielle abgeschüttelt - sagt einer, der es wissen muss: Zülfü Livaneli - Autor, Komponist, Sänger und Regisseur.

          Anlässlich eines Schriftstellertreffens im Jahr 1970 in New York berichtete mein Freund Yaar Kemal, welcher politische Druck auf die türkischen Autoren ausgeübt werde: Ihnen drohe Gefängnis oder gar der Tod. Daraufhin meinte der amerikanische Schriftsteller Kurt Vonnegut: „Was habt ihr es gut! Das heißt doch: Man nimmt euch so ernst, dass man euch sogar tötet und ins Gefängnis wirft. Das beweist die große Bedeutung, die ihr für eure Gesellschaft habt.“

          Vonneguts makabrer Einwurf enthielt ein Stück Wahrheit. Seitdem hat die Türkei einen Prozess durchgemacht, der die Literatur der Gesellschaft entfremdete und ihrer Bedeutung beraubte. Gedichten und Romanen schenken heute in der Türkei nicht mehr viele ihre Aufmerksamkeit. Fernsehen und Zeitungen haben deutlich größeren Einfluss als jede Literatur.

          Programme in kurdischer Sprache

          Zwar existieren weiterhin Tabus wie bei der Kurden- oder Armenierfrage, dennoch kann man zumindest gesellschaftspolitisch von einer relativen Verbesserung sprechen. Vor zwanzig Jahren war es noch verboten, das Wort „Kurde“ auch nur auszusprechen. Heute dagegen senden Radio- und Fernsehstationen Programme in kurdischer Sprache. Trotz schrecklicher Ereignisse wie der Ermordung meines Kollegen Hrant Dink ist die anatolisch-armenische Literatur in den Buchhandlungen vertreten. Die in Kurdisch geschriebenen Romane Mehmet Uzuns, eines hochgeschätzten Autors, der im vergangenen Jahr verstarb, treffen in türkischer Übersetzung auf großes Interesse.

          Autor, Komponist, Sänger, Regisseur: Zülfü Livaneli

          In der türkischen Literatur hatte die Lyrik immer einen sehr hohen Stellenwert. Bis zum neunzehnten Jahrhundert gab es wandernde Volksdichter und die mit dem osmanischen Hof verbundenen Diwan-Dichter, es gab Epen und Volkserzählungen mit eingestreuten Liedern und Reisebeschreibungen.

          Mündlich tradierte Literatur

          Volkspoesie und Diwan-Lyrik flossen während der jahrhundertelangen osmanischen Herrschaft wie zwei getrennte Flüsse nebeneinander her. Bedienten sich die dem Hofe verbundenen Dichter einer Sprachmischung aus Arabisch, Persisch und Türkisch, so trugen die Volksdichter ihre in Hexametern gehaltenen Gedichte in türkischer Sprache vor. Diese zunächst mündlich tradierte Literatur fasste man gelegentlich in „cönk“ genannten Sammlungen zusammen.

          Der alevitische Dichter Pir Sultan Abdal, ein Rebell aus dem sechzehnten Jahrhundert, wurde im anatolischen Sivas hingerichtet. Vierhundert Jahre später erlitten dreiunddreißig Dichter und Schriftsteller, die sich zum Gedenken an jenen Pir Sultan Abdal in Sivas versammelt hatten, das gleiche Schicksal: Sie wurden von radikalen Islamisten bei lebendigem Leib angezündet und getötet. Von der türkischen Lyrik, die in der letzten Phase des Osmanischen Reichs den Freiheitsgedanken gegen die Monarchie behauptete, war auch Mustafa Kemal Atatürk beeinflusst. Wir wissen, dass er das Gedicht Tevfik Fikrets mit den bekannten Halbversen „Vatanim ruy-i zemin, milletim nev-i beser“ („Mein Vaterland ist die ganze Erde, mein Volk ist die ganze Menschheit“) häufig auswendig aufsagte.

          Angefeindeter Dichter

          In den ersten Jahren der 1923 gegründeten Republik konnte die türkische Lyrik ihren Stellenwert behaupten. Alsbald stieg ein junger Dichter wie ein Komet am Himmel der türkischen Literatur auf: Nazim Hikmet. Er bot Bilder von Arbeitern und Maschinen und weckte aufrührerische Gefühle. Nazim Hikmet hatte in Moskau studiert und verehrte Majakowski. Hikmets Lyrik löste heftige Auseinandersetzungen aus. Schließlich wurde er unter fadenscheinigen Begründungen eingesperrt und musste siebzehn Jahre in anatolischen Gefängnissen verbringen. Bis 1960 blieben seine heimlich gelesenen Gedichte verboten. Obwohl Nazim Hikmet schon 1963 im Moskauer Exil starb, gehört er noch immer zu den am meisten angefeindeten Dichtern.

          Verglichen mit der Lyrik blickt der türkische Roman auf eine wesentlich kürzere Entwicklungsgeschichte zurück. Der 1872 erschienene Roman „Die Verliebtheit von Talat und Fitnat“ von emsettin Sami war der erste Versuch dieser Art; Halit Ziya Uakligil veröffentlichte im Jahr 1900 mit „Verbotene Liebe“ den ersten bedeutenden türkischen Roman. Bis heute existieren zwei Hauptströmungen: die Literatur Istanbuls und die Anatoliens. „Anführer“ jener Autoren, die die Welt der armen anatolischen Dörfer beschrieben, wurde bald der junge Yaar Kemal. Mit seinem Roman „Memed, mein Falke“ von 1955 leistete er das, was Nazim Hikmet für die Lyrik erreichte.

          Das Leben des Bürgertums

          In den vergangenen Jahren dagegen trat eine neue Schriftstellergeneration auf den Plan: Orhan Pamuk und Elif Safak zählen zu jenen erfolgreichen Autoren, die die angelsächsische Romantradition übernahmen. Anders als die von Anatolien geprägten „engagierten“ Autoren, die sich vor allem für gesellschaftliche Probleme interessieren, folgen diese Schriftsteller den Spuren von Romanautoren, die im neunzehnten Jahrhundert in Istanbul unter dem Einfluss der westlichen Literatur ihre türkische Madame Bovary, ihre Anna Karenina, ihren Julien Sorel, ihren Wilhelm Meister und ihren Werther suchten. Ihr Thema ist das Leben des gebildeten Istanbuler Bürgertums.

          Mir selbst scheint es dabei oft so, als ob den Türken manche innere Perspektive fehlt. Wir Türken empfinden häufig kein Gefühl der Schuld, sondern allenfalls der Scham. Das Gefühl von Verantwortung und Schuld, das die protestantische Kultur prägt, gehört nicht zu den grundlegenden Haltungen der Muslime. Daher habe ich vor Jahren einmal gemeint, in der türkischen Literatur würde man nur schwerlich einen Charakter vom Schlage Raskolnikows finden. Ob das immer so bleibt?

          Vierzig Jahre nachdem die ersten „Gastarbeiter“ nach Deutschland gekommen sind, ist die „Gast-Literatur“, die nach Frankfurt kommt, eine reiche und interessante Literatur. In ihr findet man viele einander diametral entgegengesetzte Strömungen und Tendenzen – genau wie in unserem Land, der Türkei, in der Tradition und Moderne, Ost und West miteinander konkurrieren.

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