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Im Gespräch: Asli Erdogan : Wo die Tragödie am dunkelsten ist, herrscht größte Stille

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Asli Erdogan: „Die Kurdenfrage ist noch immer das wichtigste politische Thema.” Bild: Frank Röth

Der Kampf türkischer Intellektueller um Meinungsfreiheit entscheidet sich nicht allein am Paragraphen 301, glaubt die türkische Schriftstellerin Asli Erdogan. Die Kurdenfrage ist noch immer das wichtigste politische Thema.

          Im Gespräch mit der F.A.Z. erzählt die türkische Schriftstellerin Asli Erdogan von ihrer Zeit im brasilianischen Exil und warum sie über Themen schrieb, an denen sich Kollegen nicht die Finger verbrennen wollten.

          Ihr in diesem Jahr auf Deutsch erschienenes Buch „Die Stadt mit der roten Pelerine“ spielt in Brasilien. Sie haben dort Mitte der neunziger Jahre gelebt. Warum sind Sie aus der Türkei weggegangen?

          Rückblickend gesehen, war es eine politische Entscheidung, vielleicht sogar das Politischste, das ich jemals gemacht habe. Für meine Karriere, für meinen Lebenslauf als Schriftstellerin war es jedoch nicht gut.

          Was war passiert?

          Ich lebte in Istanbul damals mit Afrikanern zusammen. Es gab Anfang der neunziger Jahre viel Rassismus in der Türkei, an afrikanische Immigranten hat sich die türkische Gesellschaft bis heute kaum gewöhnt. Eines Tages wurden hundertsiebenundfünfzig von ihnen einfach verhaftet, aber keiner von ihnen vor Gericht gestellt. Man brachte sie stattdessen in ein Camp in Sivas, dann wurden sie in die Region Silopi in den Osten der Türkei verschleppt. Ich habe darüber geschrieben, war damals aber noch keine Schriftstellerin, und niemand wollte meinen Text veröffentlichen. Gleichzeitig tobte in der Provinz Sirnak, in der Silopi liegt, der Bürgerkrieg - also war das Thema doppelt brisant, keine Zeitung wollte sich daran die Finger verbrennen. Irgendwann bekam ich es mit der Angst zu tun und beschloss, das Land zu verlassen.

          Sind Sie bedroht worden?

          Nicht direkt, aber ich hatte das Gefühl, dass man mich beobachtet. Ich habe damals viele Fehler gemacht, den Text zum Beispiel immer unter meinem richtigen Namen angeboten. Das war naiv. Damals verschwanden viele Leute. Als ich zurückkehrte, war einer der Afrikaner, mit denen ich zusammengelebt hatte, tot. Und von meinem damaligen Freund haben sich die Spuren verloren. Aber meine Flucht hatte nichts Heroisches. Ich gehöre nicht zu den Leuten, die von sich sagen können, dass sie wegen unseres berühmten Artikels 301 über die Verunglimpfung der türkischen Nation bedroht worden sind und deshalb das Land verlassen mussten. Ich wollte einfach die Rechte der Afrikaner verteidigen, aber dafür interessierten sich damals nur wenige Menschen in der Türkei. Dennoch war meine Entscheidung politisch und das Exil natürlich sehr real.

          Haben Sie die damals erlebte Diskriminierung der afrikanischen Immigranten jemals literarisch verarbeitet?

          Ich dachte, ich würde es tun, wenn ich in Brasilien bin. Aber ich tat es nicht. Als ich nach zwei Jahren in die Türkei zurückkehrte, hatte sich das Land sehr verändert - zumindestens an der Oberfläche. In den Istanbuler Straßen, durch die ich nach Demonstrationen vor der Polizei geflüchtet bin, waren auf einmal überall Cafés, alles wirkte viel offener. Meinen ersten Streit hatte ich mit einem sehr bekannten Journalisten. Er behauptete, dass es keinen Rassismus in der Türkei gebe. Damals standen einfach andere Themen im Vordergrund, vor allem der Konflikt zwischen den Türken und den Kurden und die Aktivitäten des sogenannten tiefen Staates.

          Sie haben als Kolumnistin der linksliberalen Zeitung „Radikal“ in Ihren Artikeln oft den Kurdenkonflikt aufgegriffen. Warum setzten Sie sich so für die Kurden ein?

          Aus politischem Interesse und aus Menschlichkeit. Der Konflikt mit den Kurden ist das wichtigste Thema in der Türkei. Das Land befindet sich im Krieg, aber dieser Tatsache kehrten in den neunziger Jahren viele Menschen einfach den Rücken zu. Damals waren die türkischen Zeitungen noch viel staatstreuer als heute. Selbst die Kommentatoren der Hürriyet schreiben inzwischen, dass man in einen Dialog mit ,unseren kurdischen Freunden' treten müsse, dass die türkische Gesellschaft ein Mosaik aus verschiedenen Völkern sei. Damals dagegen hieß es oft: Hängt die Kurden auf.

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