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Ehrengast Türkei : So wie wir sind und waren

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Angekommen in der Weltliteratur: Orhan Pamuk tanzt auf dem Nobelpreisbankett mit seiner Tochter Ruya Bild: AFP

Ein unbekannter Kosmos: Die türkische Literatur, die es dieses Jahr auf der Frankfurter Buchmesse zu entdecken gilt, erzählt die Geschichte einer großartigen Emanzipation.

          Natürlich muss man mit Orhan Pamuk anfangen. Seitdem er im Jahr 2006 den Literatur-Nobelpreis verliehen bekam, ist türkische Literatur auch außerhalb der Türkei im Aufwind; die Wahl der Türkei als Gastland der Buchmesse hat diesen Aufwind merklich gekräftigt: Das Angebot originaler wie übersetzter türkischer Literatur, „klassischer“ und aktueller, ist groß, und es macht deutlich, dass die Literatur der Türken schon seit geraumer Zeit das Niveau der Weltliteratur erreicht hat - keineswegs nur bei einem Ausgezeichneten wie Pamuk, sondern auch bei anderen Autoren und Autorinnen.

          Wie verlief der Weg bis dorthin? Die Geschichte der türkischen Literatur neuerer Zeit ist die Geschichte einer gigantischen Emanzipation auf vielen Feldern, mit denen die Literatur jeweils eng verschränkt gewesen ist. Die Emanzipation des türkischen Nationalstaates vom islamisch strukturierten Osmanischen Reich war ohne die Literaten nicht denkbar. Sie betrieben sie, wie sie sie umgekehrt in ihren Werken darstellten. Dies war verbunden mit einer Emanzipation von jener spezifisch islamischen, persisch-mystisch geprägten Literatur, die unter den Sultanen jahrhundertelang dominiert hatte, obwohl durchaus auch weltliche Sujets wie ein gehobener Lebensgenuss (carpe diem) - zumal in der höfischen Literatur (divan edebiyati) - immer behandelt worden waren. Doch dann begann man sich mehr und mehr westlichen, europäischen Vorbildern zuzuwenden.

          Künstliche Sprachfindung

          In der Spätzeit des Reiches, ganz massiv jedoch in der jungen Republik Kemal Atatürks (1881-1938) emanzipierten sich die Autoren zudem vom osmanischen Türkisch als Literatursprache hin zum „echten Türkisch“ (öz Türkçe), das in den zwanziger, dreißiger und vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts geschaffen wurde. An diesem durchaus nicht unproblematischen, weil künstlichen Prozess einer neuen Sprachfindung, bei der es darum ging, das Übermaß arabischer und persischer Wörter zu ersetzen und - auch für die Literatur - eine allgemeinverständliche türkische Sprache zu schaffen, waren die Autoren maßgeblich beteiligt; und fast jeder hatte (und hat) seine eigene Auffassung davon.

          Es gibt ein bösartiges Bonmot, das sagt, die Sprachreform sei „gnadenlos erfolgreich“ gewesen. Schließlich emanzipierten sich die türkischen Autoren von den traditionell gültigen Gattungen der Literatur und wandten sich unter dem Einfluss des Westens dem Drama und der epischen Prosa, dem Roman und der Erzählung zu, die es zuvor so gut wie nicht gegeben hatte. Molière und Shakespeare, Dumas (père et fils), Dickens und Flaubert standen unter anderen Pate.

          Vorzugsweise Prosa

          In osmanischer Zeit hatte die lyrische Dichtung (siir, nazm), insbesondere die äußerst kunstvolle Diwan-Poesie mit ihren vertrackten Metaphern und Sprachspielen die Literatur beherrscht, bis weit in das zwanzigste Jahrhundert hinein blieb sie lyriklastig. Hinzu kamen religiös-mystische Versepen (mesnevi), bei denen - man denke an „Hüsn ü Ask“ (Schönheit und Liebe) von Scheich Galib aus dem achtzehnten Jahrhundert - ebenfalls die bedeutenden Dichter Persiens als Vorbilder gewirkt hatten; und selbst in der Volksliteratur, die sich durch ihre formale Einfachheit und anatolisches Türkisch von der Diwan-Poesie unterschied, überwog die Lyrik bei weitem.

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