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Buchmesse-Gastland : So frei wie hier war die Türkei noch nie

Labyrinthische Literatur: in der Ausstellung des Gastlandes Bild: dpa

Die türkische Präsentation war mit Spannung erwartet worden. Die Chance zur Imagekorrektur wurde genutzt. Das Land präsentierte sich in stolzer Vielfalt und verschwieg die dunklen Seiten nicht.

          Keine bunten Teppiche, keine Bilder von Traumstränden weit und breit. Nicht einmal Ayran bekommen wir gereicht, genauso wenig ein Glas mit schwarzem türkischen Tee. Wer erwartet, eine Türkei auf der Buchmesse zu finden, wie man sie aus dem Fernsehen oder von Urlaubsreisen kennt, wird auf der Buchmesse ein anderes Land erleben. Sogar die türkische Flagge hat sich das Gastland bei seinem Auftritt verkniffen, und nirgendwo hängt ein Bild von Staatsgründer Kemal Atatürk.

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Den kleinen roten Wimpel mit Halbmond, den wir schließlich doch an einem Stand entdecken, wirkt fast ein wenig verschämt. Stattdessen prangt überall auf Säulen und Wänden das Gastlandlogo: Ein nach allen Seiten hin offenes, farbenfrohes Labyrinth in Rot, Gelb, Grün, Pink und Blau, in das das Wort „Turkey“ eingewebt ist. Es soll die jahrhundertealte kulturelle Vielfalt der türkischen Republik widerspiegeln, hat der türkische Staatspräsident Abdullah Gül in seiner Eröffnungsrede der Buchmesse erklärt. Das ist schön, denn so ein Selbstporträt der Türkei gab es noch nie.

          Stolz auf die Vielfalt

          Die Menschen dort hatten immer gleich zu sein: türkischsprachig, muslimisch und der Nation ergeben. Dass man dabei ist, einen neuen Stolz auf die Vielfalt des Landes zu entwickeln, zeigt auch das offizielle Rahmenprogramm der Messe: Die Sängerin Aynur darf ihr Publikum mit kurdischen Liedern verzaubern – Kurdisch wird von der türkischen Regierung nicht als gleichberechtigte Sprache zum Türkischen anerkannt – , die Fotoausstellung „Ebru“ widmet sich den verschiedenen ethnischen Gruppen in der Türkei, das Jüdischen Museum Frankfurt informiert über jüdisches Leben am Bosporus, und die Gruppe „Hasbihal Toplulugu“ spielt alevitische Bektaschi-Melodien.

          Der Star spricht zur Eröffnung: Nobelpreisträger Orhan Pamuk

          In Gesprächsrunden diskutieren Verleger und Autoren über Themen wie die fehlende Meinungsfreiheit in ihrem Land, über die Schwierigkeit, trotz der Sprachendiskriminierung auch die kurdische Literatur zu fördern, und sie reden kritisch über die neue religiöse Elite. Auf der Buchmesse hat die Türkei eine nicht gekannte Freiheit entdeckt. Mit der Realität im Land hat sie allerdings dennoch nur wenig zu tun.

          Die dunklen Seiten

          Wie widersprüchlich und zerrissen die Türkei ist und unter welch schwierigen Bedingungen die türkischen Verlagshäuser Bücher publizieren, die nicht konform zu der offiziellen Geschichtsschreibung des Landes sind, erfahren wir bei einem Spaziergang durch Halle 5.1. Am Stand des armenischen Verlagshauses Aras erklärt Rober Kopta seine Verlagspolitik: Veröffentlicht werden nur Bücher, die allerhöchstens Anspielungen auf den Genozid an den Armeniern enthalten. „Ansonsten müsste nicht nur der Verlag mit Repressalien rechnen, sondern auch die Armenier in der Türkei. Das kann ich nicht verantworten“, sagt er.

          Am Stand des Verlagshauses Türk Edebiyati Vakfi Yayinlari erzählen die Bücher dagegen von ruhmreichen türkischen Kriegen, zwei Gänge weiter, beim Belge-Verlag, auch von den dunklen Seiten der türkischen Vergangenheit. Belge gibt vor allem Bücher zu Menschenrechtsfragen und Literatur heraus, die von politischen Gefangenen verfasst worden ist. Weil Ragip Zarakolu, der Verlagsleiter von Belge, 2004 ein Buch des amerikanischen Autors George Jerjian über den armenischen Genozid in türkischer Übersetzung veröffentlichte, wurde er nach Artikel 301 über die Verunglimpfung der türkischen Nation angeklagt und im Juni zu einer hohen Geldstrafe verurteilt.

          Zarakolu weist auf die Ausstellung im Forum Gastland in Halle 5.0 hin. Dort werden türkische Literaten vorgestellt, deren Bücher es zu Weltruhm gebracht haben und die die Entwicklung der türkischen Literatur prägten. Eines jedoch verraten die Informationstafeln nicht: dass zahlreiche der vorgestellten Autoren ihr Schreiben über die gesellschaftlichen Verhältnisse in der Türkei mit Repressionen und Gefängnisstrafen bezahlen mussten. „Man darf dieses Leid nicht verschweigen. Ohne den Einsatz dieser Menschen gäbe es heute noch viel weniger als nur eine eingeschränkte Meinungsfreiheit in der Türkei.“

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