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Autorin Perihan Magden : Alles an mir ist Istanbul

Sie schmeißt ihre Ansichten wie Rauchbomben in die türkische Öffentlichkeit, und allen tränen die Augen: Perihan Magden Bild: Agata Skowronek

Perihan Magden ist eine der aufregendsten Schriftstellerinnen der Türkei. Für ihre scharfe Zunge wird sie geliebt, gehasst, vor Gericht gestellt, verfolgt. Sie selbst lacht über alle Drohungen. Ein Besuch.

          Frauen. Die Zeichnungen an den Wänden zeigen vor allem Frauen. Besonders eine Frau ist immer wieder auf den Bildern zu sehen: schmale Augen, lange Nase, ein trotzig-ernster Mund, wie dafür geschaffen, giftige Worte so leicht und schnell wie Melonenkerne auszuspucken. Jeder Satz von Perihan Magden ist scharf wie ein Fallbeil, sagt man über die Schriftstellerin in der Türkei.

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Perihan Magden provoziert, verstört. Sie schmeißt ihre Ansichten wie Rauchbomben in die türkische Öffentlichkeit, dass allen die Augen tränen. Wenn sich der Nebel verzogen hat, sieht man klarer, auch wenn es schmerzt. Brillant, hat Orhan Pamuk ihre Einwürfe zu Themen, über die sich alle Gedanken machen, aber dennoch darüber schweigen, genannt. Perihan Magden wird dafür geliebt. Und verfolgt. Sie gilt als eine der interessantesten zeitgenössischen Autorinnen der Türkei. Ihre Bücher erobern regelmäßig die ersten Ränge der türkischen Bestsellerlisten. Ihr Roman „Zwei Mädchen: Istanbul Story“ ist in diesem Sommer bei Suhrkamp auf deutsch erschienen.

          Der Raum ist mit einem Mal voll

          Draußen bellt ein Hund und wird von einer lauten Stimme zum Schweigen gebracht. „Hat Sie das Bellen erschreckt? Warten Sie schon lange? Dieses Ikea! Diese Schlangen an der Kasse! Es tut mir furchtbar leid!“, schrillt es durch den Raum. Perihan Magden kommt durch die Tür ins Wohnzimmer gestürmt, an ihren Beinen japst begeistert ein Hund, sie schiebt ihn mit dem Knie zur Seite. Diese laute, quäkende Stimme, dieser energische Blick, diese zierliche Frau. In Flipflops, schwarzer Hose und Bluse, beladen mit Einkaufstüten; ein kleiner Körper, zu dem diese Stimme gar nicht passen mag – wohl aber zu Perihan Magdens Präsenz.

          Nach zwei Tagen hat sie ihre Leibwächter wieder weggeschickt

          Die Wände des großzügigen Wohnzimmers scheinen zusammenzurücken, die Bilder und Zeichnungen erblassen, der Raum ist mit einem Mal voll. Hinter der Schriftstellerin tritt ein schmales Mädchen mit langen blonden Haaren durch die Tür – Melek, Perihan Magdens Tochter. „Guten Tag“, sagt sie und schüttelt dem Gast höflich die Hand. Auf deutsch bedeutet Melek Engel. Leichtfüßig schwebt das Mädchen wieder davon, wird von den Tiefen dieses alten Holzhauses im Istanbuler Stadtteil Arnavutköy verschluckt, in dem Perihan Magden und ihre Tochter wohnen.

          Verbalattacken in schnell abgefeuerten Salven

          „Meine Mutter hat das Haus vor zwanzig Jahren gekauft, wir haben es jahrelang renoviert“, sagt Perihan Magden, wirft sich auf das Sofa, dass das Leder laut quietscht. Sie lächelt freundlich, dann schießt sie los.

          Eine Salve nach der anderen donnert nieder, verbale, schnell abgefeuerte Tornados gegen das türkische Schulsystem („kemalistische Gehirnwäsche“), gegen den türkischen Schönheitskult („schöne Frauen sind hier nur ein Stück Fleisch“), gegen die türkischen Machos („lassen Melek nicht in Ruhe, ziehen sie mit ihren Augen aus“) und gegen die reformbedürftige, türkische Verfassung: „Sie ist wie ein Kleid, gemacht für ein Kind. Nun ist aus dem Kind aber ein Teenager geworden, die Hosenbeine sind zu kurz, die Ärmel zu schmal, der Kragen zu klein. Statt dem Kind ein neues Kleid zu schneidern, nähen die Eltern einfach neue Knöpfe dran, ändern ein bisschen die Farbe und müssen immer wieder stopfen, weil der Stoff natürlich trotzdem reißt.“

          Die Leibwächter schickte sie nach zwei Tagen wieder weg

          Perihan Magden und die Türkei, das ist eine Hassliebe. Perihan Magden ist unbequem, eine Geißel für Kriegstreiber und Generäle, für selbstherrliche Staatsanwälte und verbohrte Nationalisten, auf die sie immer wieder in ihren Büchern und auch in ihrer Kolumne in der linksliberalen Zeitung „Radikal“ eindrischt, die Pflichtlektüre der türkischen Intellektuellen. Ein gutes Dutzend Gerichtsverfahren hat die Schriftstellerin derzeit am Hals, die meisten sind politischer Natur. Nein, unter dem berüchtigten Artikel 301, der die Beleidigung der türkischen Nation unter Strafe stellt, sei sie noch nie angeklagt worden. „Dafür ziehe ich über alles andere in diesem Land her“, sagt Perihan Magden und kichert.

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