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Ausstellung : Die Schönheit steckt im Ganzen

Eine goldenes Lächeln: Yezidin, Viranzehir, Juni 2002 Bild:

Jahrelang ist der türkische Fotograf Attila Durak durch seine Heimat gereist - stets auf der Suche nach einer verborgenen Vielfalt. Eine Ausstellung seiner Bilder im Frankfurter Haus am Dom zeigt das Gastland der Buchmesse im Spiegel seiner Minderheiten.

          Der Mann mit den dunkelblonden Haaren ist in seinem karg möblierten Wohnzimmer zu sehen. Bunter Teppich, buntes Sofa, ein riesiges buntes Wandtuch mit einer Jesusfigur darauf. Sein kleiner Sohn hält dem Betrachter einen Fußball entgegen. Ein Deutscher, sagt Attila Durak.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Auf anderen Fotografien sind griechisch sprechende Muslime, armenische Christen, griechisch-orthodoxe Araber, Roma und Tadschiken, alevitische Turkmenen, Kurden, Laz oder Kirgisier zu sehen, vierundvierzig Ethnien insgesamt. Türken sind sie alle.

          Die Kunst des Marmorpapiers

          Durak hat sie besucht, in anatolischen Dörfern, im Taurus und in Istanbul. Er hat mit ihnen geredet und gegessen, ihre Feste mitgefeiert und den Kindern beim Spielen zugesehen. Erst, wenn alle sich wohlfühlten, hat Durak begonnen, seine Fotos zu machen.

          Eine goldenes Lächeln: Yezidin, Viranzehir, Juni 2002 Bilderstrecke

          Man sieht es ihnen an - keine Scheu, aber auch keine falschen Posen trüben den Eindruck. Unbefangen und ungestört, lassen die von ihm Porträtierten sich in ihr Leben blicken. In fünf Jahren sind es fünfzehntausend Fotografien geworden.

          „Ebru“ heißt Duraks Projekt, nach der Kunst des Marmorpapiers, die in der Türkei gepflegt wird: Viele Farben auf einem Grundton, die ineinanderfließen, sich jedoch nie vermischen. „Ich merkte, dass in diesem Ebru der Reichtum in den Einzelheiten und die Schönheit in der Gesamtheit steckt“, sagt Durak über seine Arbeit.

          Verlorene Vielfalt

          „Ebru“ ist damit auch ein Gegenentwurf zu Konzepten der Multikulturalität wie der melting pot oder das Mosaik. Unter jedes seiner Fotos hat er minutiös die Ethnie der Fotgrafierten notiert, den Ort sowie Monat und Jahr der Aufnahme.

          Der junge Deutsche aus Kars hatte sich Duraks Bilder angesehen. Er habe geweint, erinnert sich Durak. Er war nicht der Einzige. Seit die Tournee von knapp zweihundert Fotos durch türkische Städte begann, waren viele Betrachter gerührt, ergriffen.

          Andere reagieren ablehnend oder feindselig. Wieder andere bedanken sich bei Durak dafür, dass sie in seinen Fotografien etwas Verlorenes wiederfinden konnten: die Vielfalt der Türkei.

          Oberbayern ähnelt Anatolien

          Dass das jahrzehntelang nicht so gesehen wurde - damit ist der 1967 in Gümüshane geborene Durak aufgewachsen. Als er 1996 nach New York kam, lernte er ein ihm ganz neues selbstbewusstes Neben- und Durcheinander der Kulturen kennen.

          Aus dem Ökonom und Hobbyfotografen ist am Hunter College und am International Center of Photography in New York ein Profi geworden, der auf Dokumentationen spezialisiert ist. Das Ebru-Projekt hat er minutiös geplant, das Land in Quadrate unterteilt, die er von 2001 an bereiste, Geschichtswissenschaftler, Ethnologen, Graphiker unterstützten ihn, knüpften Kontakte.

          Aus dem bislang nur in der Türkei erschienen Buch „Ebru“ ist ein literarisch-kulturwissenschaftlicher Bildband geworden, der immerhin dreihundert der Fotog zeigt. Auch im Internet kann man darin blättern. Großformatige Prints sind nun in Frankfurt und Leipzig ausgestellt - und wieder staunen die Besucher, ob Deutsche, Türken oder Deutschtürken.

          Vielleicht wird man Durak mit seiner Kamera demnächst irgendwo in Oberbayern sichten. Europa, findet er, sei im Grunde so ähnlich wie Anatolien: mit einer unentdeckten Vielfalt.

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