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Annette Großbongardt: Istanbul Blues : Besuch bei den Verführern und Verführten

Bild: Rowohlt Berlin

Zwei Jahre sind keine lange Zeit, um die Gesellschaft eines Landes verstehen zu lernen. Dessen ist sich die Journalistin Annette Großbongardt bewusst. Dennoch ist ihr mit „Istanbul Blues“ eine Momentaufnahme gelungen, die viel über die Türkei verrät.

          Was macht eine Auslandskorrespondentin, die in ein Land versetzt wird, das sie bisher nur vom Hörensagen und aus den Medien kannte? Sie verschafft sich einen Überblick über die wichtigsten politischen Ereignisse, büffelt Zahlen und Fakten, sucht sich eine fähige Assistentin und belegt einen Sprachkurs, damit es bei Terminen für den Austausch von Höflichkeitsformeln reicht. Die echte Herausforderung aber ist, ein Gefühl für das neue Land und die Mentalität seiner Menschen zu bekommen. Denn nur so lassen sich die neuralgischen Punkte einer Gesellschaft erkennen. Und nur so ist eine Berichterstattung möglich, die nicht beim bloßen Nacherzählen von Ereignissen stehenbleibt. „Ich hatte immer großen Respekt vor dem Mut der Gastarbeiter, in ein völlig fremdes Land aufzubrechen. So empfand ich es als eine Art Ausgleich, dass ich mich umgekehrt in der türkischen Realität zurechtfinden musste“, schreibt Annette Großbongardt in ihrem Buch.

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Zwei Jahre lang, von 2005 bis 2007, berichtete die Journalistin von Istanbul aus für den „Spiegel“ über die Türkei. Sie reiste bis an die Schwarzmeerküste und in noch fast unberührte Gegenden Anatoliens, recherchierte in Malatya, wo fanatische Nationalisten vier Christen ermordet hatten, und gehörte zu dem Journalistentross, der Papst Benedikt XVI. im Jahr 2007 auf seiner Reise nach Ankara und Izmir begleitete. Istanbul aber blieb immer ihr Angelpunkt, die Basis ihres Schaffens und vor allem das prägende Moment für ihren Blick auf die Türkei. Hier bekam die Korrespondentin eine Vorstellung von den tiefen Wiedersprüchen, die die türkische Gesellschaft prägen, und erkannte die tiefe Verunsicherung der Menschen darüber, wohin ihr Land treibt.

          Die Metropole als türkische Zukunftswerkstatt

          Denn wie unter einem Brennglas finden sich in Istanbul alle Gegensätze der Türkei auf dichtem Raum vereint: Die Stadt sonnt sich im Glanz ihrer osmanischen Vergangenheit und will dennoch ihren Anker in der europäischen Gegenwart setzen, ist hin- und hergerissen zwischen Aufbruch und konservativem Rückwärtsgang. Was in Istanbul passiert, verrät viel über das Tempo und die Richtung, in die sich die Türkei bewegt. „Zukunftswerkstatt“ nennt Annette Großbongardt die Metropole.

          Auf ihren Erkundungstouren durch die Stadt trifft sie auf Habenichtse und Wirtschaftsbosse, Religiöse und Säkulare, Pro-Europäer und Nationalisten, Intellektuelle und ungebildete Tagelöhner aus der Provinz. Sie nimmt uns mit zu ihnen, wir hören von ihren Hoffnungen und Sorgen. Doch damit begnügt sich die Journalistin nicht: Jede Begegnung wird eingebettet in die sozialen und historischen Zusammenhänge des Landes und in die Konflikte, die sich aus dem Miteinander dieser so unterschiedlichen Menschen ergeben. Es ist ein Kampf zwischen Islam, Nationalismus und Demokratie, durch den sich die Türkei und ihre Chance auf den EU-Beitritt immer wieder ins Wanken bringt. Vor allem an der Auseinandersetzung zwischen Religiösen und Säkularen scheint sich die Zukunft des Landes zu entscheiden. Das Kopftuch ist zu einer politischen Obsession geworden, Frauenorganisationen fordern es als individuelles Menschenrecht im Sinne der Religionsfreiheit ein.

          Sie fordern die säkulare Oberschicht heraus

          Da ist etwa die Anwältin Fatma Benli, die in Fatih, einem sehr konservativen und religiösen Stadtteil, mit ihrem Verein „Akder“ Frauen vertritt, die sich wegen ihres Kopftuchs diskriminiert fühlen. Mit ihrem verhüllten Haar darf die Anwältin keinen Gerichtssaal betreten, deshalb begleitet immer ihre Partnerin die Klientinnen zu den Verhandlungen. Fatma Banli ist davon überzeugt, dass das Kopftuchverbot an den Universitäten und in öffentlichen Berufen dafür sorgen soll, frommen muslimischen Frauen den Aufstieg in die Elite des Landes zu verwehren. Auf Diskussionen, ob eine moderne Frau überhaupt ein Kopftuch tragen muss, lassen Frauen wie Benli sich nicht mehr ein - nicht das Kopftuch ist für sie repressiv, sondern die Gesetze, die es verbieten. Sie machen ihre Religiosität öffentlich und verlangen ihre Rechte; sie fordern die säkulare Oberschicht heraus, die bisher die Elite in Bildung, Wirtschaft und Politik stellte. Ihr politisches Instrument ist die Partei von Ministerpräsident Erdogan, die AKP.

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