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Was Autoren anziehen : Die Mode der Minderheit ist besser als ihr Ruf

  • -Aktualisiert am

Achtet auf sein Äußeres: Autor Christian Kracht Bild: Marcus Kaufhold

Die Messemode, so der Konsens, ist ein Trauerspiel, die Literatur und ihre Jünger ziehen sich schlecht an. Ein Tag im Frankfurter Messegetümmel indes ergibt, dass die Mode der lesenden und schreibenden Minderheit weit besser ist als ihr Ruf.

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          Wer Mode in einem Atemzug mit der Frankfurter Buchmesse oder gar mit deutschen Autoren anspricht, erntete jüngst noch sorgenvolle Blicke, wehmütiges Kopfschütteln und mit unterdrückter Stimme formulierte Superlative, die in die falsche Richtung gingen: Die Messemode, so der Konsens, sei ein Trauerspiel, die Literatur und ihre Jünger ziehen sich schlecht an. Ein Tag im Frankfurter Messegetümmel indes ergibt, dass die Mode der lesenden und schreibenden Minderheit weit besser ist als ihr Ruf.

          Ihren Nullpunkt allerdings markieren die Veranstaltungen im Hauptbahnhof. Während Micha Brumlik mit einem kleinkarierten Wolljackett in Jägerfarben noch die Fahne hochhielt, votierte das vom Thema Jugendgewalt mobilisierte Publikum für Anoraks und Wollpullover, naturbelassenes Grauhaar, Bart und pflegeleichte Nackenzöpfe. Als Nullpunkt der Mode ließe sich auch die Versammlung asiatischer Herren in grauen und schwarzen Anzügen werten, die in Halle 6.0 zur „Signierzeremonie der Serie Lächelnde Katze der berühmten chinesischen Autorin Yang Hongying“ zusammenkam. Ein paar Buden weiter wurde aus dem neuen Parabelband der koreanischen Zen-Meisterin Daehaeng gelesen. Ihre ein deutsches Zen-Kloster leitende Schülerin Harejin Sunim lud zur Teezeremonie, bei der das Ausspülen der Tassen das Wichtigste war. Wie sie erklärte, werde so die Schale belebt, die den Tee aufnehmen soll. Man darf diese Zen-Einsicht zur Modemaxime erweitern: Gut gekleidet ist der, dessen Wesen die Hülle durchdringt. Harejin Sunim trug zum kahlrasierten Kopf Bluse, Weste und Hose aus hellgrauem Leinen ohne Knöpfe oder Reißverschlüsse, eine Nonnenkluft, die mit ihrem lächelnden Gesicht harmonierte.

          „Ein bisschen extrem, etwas vergammelt, aber nicht zu sehr“

          Dass der Suhrkamp-Autor Dietmar Dath jüngst als „Outfit-Leninist“ bezeichnet wurde, sollte allerdings nicht zu dem Fehlschluss verleiten, er kleide sich im Stil von Gang E in Halle 6.0. Nicht auf den Mao-Anzug wird angespielt, sondern auf Lenins Diktum vom Marsch durch die Institutionen. Dath gehört zu einer neuen Generation von Männern, die mit den Codes der Musik- und Alternativenszenen souverän jonglieren. Mit achtzehn protegierte er den Heavy-Metall-Look, trug das Haar bis zum Beinansatz, dazu Leder und Ringe. Eine „Titanic“-Party besuchte er im weißen Bowie-Anzug und ließ sich jüngst mit wehendem Mantel, floralem Hemd und cooler Hose im Rockschlagersänger-Stil fotografieren. Zum Kritikerempfang seines Verlags kam er mit Ohrring und schmaler Brille, ansonsten nach eigenem Bekunden im leicht abgetragenen Stil der Bluegrass-Fans von Rounder Records: „Ausgefranster Rand der Country Music.“ Dath fügte hinzu, dass er das trage, was Frauen, die er kannte, jeweils für richtig hielten.

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          Suhrkamp-Chefin Ulla Berkéwicz war damit einverstanden, ihren knielangen Mantel als Malersaal-Referenz zu lesen: „Ich habe immer Dinge aus dem Theaterfundus getragen. Wagenradhüte und schwarze Röcke mit großen Rüschen.“ Zigeunerröcke? „Hexenröcke!“ Heute bevorzugt sie Velourslederhosen und trägt darüber immer noch gern „Saudi-Männerhemden mit Stehkragen, die bis zum Knöchel gehen“. Labels sind ihr nicht wichtig, ihre Kleidung muss „ein bisschen extrem, etwas vergammelt sein, aber nicht zu sehr. Ich möchte eigentlich gar nichts mehr im Schrank haben, auch keine Sachen in der Wohnung, nichts außer Bücher.“

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