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Uwe Tellkamp : Oberste Giftklasse, junger Mann

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Sein Vorwenderoman „Der Turm“ endet mit dem Mauerfall. Für die F.A.Z. beschreibt Buchpreisträger Uwe Tellkamp, wie es für ihn in der ostdeutschen Realität weiterging. Gesamtdeutschland begann der damalige „Unteroffizier auf Zeit“ mit einem Bücherschmuggel. Eine Erinnerung.

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          „Schriftpatrizier.“ Herr Korra sog an der Zigarre und tippte kategorisch auf einen der Thomas-Mann-Bände des Aufbau Verlags, die nie lange vorrätig blieben. Dann aber beschloss er, ein mir bis heute kaum begreifliches Risiko einzugehen. Der Antiquar kletterte, die Zigarre in den Mundwinkel rollend, eine Leiter hinauf, kramte ein Kästchen hinter der Marx-Engels-Gesamtausgabe hervor und entnahm zwei Blatt Papier. Aus einem Buch getrennt, waren auf dem ersten Fotos zu sehen: eine nächtliche Versammlung Tausender Menschen vor einem Scheinwerfer-Lichtdom; ein mürrischer Hitler, offenbar Abrechnungen prüfend, die ihm seine furchtsam wirkende Halbschwester reicht (sie führte den Haushalt des Berghofs, wie die Bildunterschrift auswies); darunter, dieses Foto betrachtete ich am längsten, saß Hitler, leicht vorgebeugt, lächelnd, in einem Korbstuhl und kraulte einen Hund, vermutlich die Schäferhündin Blondi.

          Zwischen Armlehne und Sitz war, ebenfalls aus Korb, das Hakenkreuz geflochten, und es war diese Einwucherung der Swastika in den Gebrauchsalltag, die mich beschäftigte. Wahrscheinlich hatte sich der Hersteller des Stuhls, wie es sich für deutsches Handwerk ziemt, ausgiebig-liebevolle konstruktive Gedanken über den Stuhl gemacht und die Rune über den ornamentalen Zweck hinaus in die Statik des Berghof-Möbels einbezogen. Eine Sitzgelegenheit von Teufeln, so empfand ich.

          Schizophrenie des Alltags

          Das zweite Blatt war eng bedruckt, dort las ich über Hitlers Zeit im Männerheim in der Wiener Meldemannstraße, als er Postkarten malte, für ein Schweißpuder namens „Teddy“ warb - ein hasserfüllter Taugenichts in seinen trüben Anfängen, geschildert in einer gutbetuchten, nüchtern präzisen, zurückhaltend eleganten Sprache. „Der Thomas Mann der Geschichtsschreibung, dieser Joachim Fest“, bestimmte der Antiquar. „Die beiden Blätter stammen aus einer Biographie. Natürlich nicht zu bekommen. Oberste Giftklasse. - Junger Mann“, Herr Korra entwand mir die Papiere und verstaute sie wieder im Kästchen, „Sie haben reineweg nischt gesehen oder gelesen. Sollten Sie was gesehen oder gelesen zu haben glauben - dann nicht bei mir.“ Und sog an der Zigarre, der Aschkegel füllte sich mit Glut.

          Dresden 1981

          Ende der achtziger Jahre war Dresden eine Winterstadt, durchquert von der kranken Elbe, die zu kreisen und immer neue Lagen Totenwachs an die verwitterten Zimmer zu lagern schien. Man spürte, dass etwas grundsätzlich nicht mehr stimmte. Empfundene und veröffentlichte Wirklichkeit klafften weit auseinander; Schizophrenie des Alltags. Wer sich mit Phrasen nicht zufriedengab, musste anderswo suchen. Joachim Fest war bekannt, man sprach respektvoll von ihm. Man kannte ihn, weil man Friedrich Karl Fromme kannte, einen der leitenden Redakteure der damaligen F.A.Z. und Sohn Albert Frommes, des hochgeachteten Chirurgen und ersten Rektors der Medizinischen Akademie. Über einzelne Artikel Fests und Frommes wurde gesprochen - erstaunlich, im Nachhinein, wie viel man im „Tal der Ahnungslosen“ dennoch mitbekam „von drüben“, via Deutschlandfunk vor allem und vom Westbesuch, der nicht nur betörende Düfte mitbrachte. Schattenhaft zwar, als Echos von Echos, sickerten die Informationen ein, die aber Dresden, dieses große Gehör, feinseismisch aufnahm, verstärkte; die Bedeutungsleser machten sich ans Entziffern.

          Andere bestimmten, was ich wissen durfte. Andere bestimmten, wie dieses Wissen zu interpretieren war. Das war demütigend - und freilich typisch für ein Land, das seine Bewohner als Staatseigentum betrachtete. Ich wollte in der Lage sein, mir meine eigene Meinung zu bilden. Auch über die Zeit, deren offizielle Sprache - Klemperer bezeichnete sie als „LTI“, der gleichnamige Reclam-Band war ein DDR-Bestseller - so erschreckend der offiziellen hiesigen glich. Was konnte ich wissen? In den Schulen hörte man: Die Wehrmacht, das waren „die Anderen“ (auf dem Boden der DDR schien es niemals etwas anderes als hehre Klassenkämpfer gegeben zu haben), in den KZs saßen, nackt unter Wölfen, nur heroische Kommunisten, die auf nichts anderes als Widerstand sannen und weder Todesangst noch Vorteilsdenken kannten; die Rote Armee bestand aus nichts anderem als edlen Wohltätern; das Politbüro war vom unumstößlichen Gesetz der Geschichte installiert, und die Partei hatte immer recht.

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