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Englischer Buchmarkt : Wer ist Amanda Ross?

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Macht aus Menschen Stars: Amanda Ross Bild:

Sie ist die mächtigste Frau im englischen Buchgeschäft. Was sie im Fernsehen beim Sofaplausch empfiehlt, das wird gekauft. Sie zum Interview zu treffen ist indes fast unmöglich. Thomas David hat es trotzdem geschafft.

          3 Min.

          Ginge es nach Amanda Ross, dann würden in Großbritannien bereits nächstes Jahr deutlich weniger Bücher erscheinen. Statt wie bisher etwa 200.000 täten es vermutlich schon die achthundert, mit denen die englischen Verlage am „Super Thursday“ Anfang Oktober die Buchhandlungen torpedieren. Wenn man Beziehungsratgeber wie Michelle McKinney Hammonds „Lessons from a Girl’s Best Friend: What my Dog Taught Me about Life, Love and God“ oder die „celebrity books“ von Rugbyspielern aussortiert, kommt man am Ende sicher irgendwann auf eine Zahl, die sogar noch schlanker ist und auch Amanda Ross keine schlaflosen Nächte mehr bereiten wird.

          Ginge es nach Amanda Ross, dann könnte man wohl auch den Man Booker Prize abschaffen und die nominierten Romane natürlich erst recht. Es sei denn, ausnahmsweise taugte mal einer für einen „netten Plausch auf dem Sofa“, was freilich unwahrscheinlich ist, da es sich bei den Booker-Romanen sogar in schlechten Zeiten wie diesen doch eher um Langweiler fürs Spätprogramm handelt, und da schaltet Amanda Ross lieber schnell ab und quält sich nächtelang durch die Stapelware neben ihrem Bett bis zu dem einen einzig richtigen Buch, nach dem sie unermüdlich sucht.

          Ein Foto mit Tony Blair

          Mitreißend muss es sein, ein echter „page turner“ eben, oder „a very good cry“, wie man in England so sagt. Das Entscheidende allerdings ist, dass es sich für den „netten Plausch“ auf besagtem Sofa eignet, das Ross in den letzten vier Jahren zu dem wichtigsten Möbelstück in der Geschichte der britischen Literaturkritik gemacht hat. Die fünfundvierzigjährige Amanda Ross ist die mächtigste Frau der englischen Bücherwelt, der Londoner „Evening Standard“ wählte sie gerade unter die „top five“ des literarischen Lebens. Ginge es nach ihr, sähen wir alle bald nur noch fern.

          Ein Mann vom Security Service läuft einem zur Begrüßung entgegen, sobald man den Hof der ehemaligen Styropor-Fabrik im Londoner Stadtteil Kennington betritt. Im Glitzer des Foyers unterhalten sich zwei offenbar als „The Hairy Bikers“ bekannte Fernsehköche mit der jungen Frau an der Rezeption. Auf einem Tisch eine Schale mit grünen Bonbons, im Fernsehen immerhin eine alte Folge „Columbo“. Aus zwei knallgelben Wassereimern, die zu beiden Seiten der Eingangstür stehen, ragen schlanke, fleischige Kakteen. „Warum Cactus?“, sagt Amanda Ross. „Es bedeutet rein gar nichts. Mein Mann und ich haben die Firma nach der Pflanze benannt, weil wir einen Namen brauchten, der absolut bedeutungslos ist.“ Ross ist die Geschäftsführerin von Cactus TV, einer auf Chat- und Koch-Shows spezialisierten Produktionsgesellschaft. Sie sitzt in ihrem sonnigen Büro, von dem aus sie mühelos die gesamte Redaktion überblicken kann, an einem Tisch; am unteren Ende ihrer kniehohen schwarzen Stiefel, Ross’ Markenzeichen, ein kleiner Hund. Ein anderer ist neulich im Swimmingpool ertrunken.

          Bücher stehen in einem Regal, aber nicht viele, ein Foto mit Ross neben Tony Blair; an einer Wand die Poster mit den Buchempfehlungen aus der „Richard & Judy“-Show. Von den 82 Titeln, die Ross seit der Gründung ihres Buchclubs für die bis August nachmittags von Channel 4 gezeigte Show ausgewählt hat, wurden insgesamt 26 Millionen Exemplare verkauft, zur „prime time“ vor zwei Jahren gingen 26 Prozent aller in Großbritannien verkauften Bücher auf Ross’ Empfehlung, einzelne Romane vervielfachten ihren Absatz über Nacht um mehrere hundert Prozent. Jodi Picoults ergreifendes, auch in Deutschland erfolgreiches Krebsdrama „My Sister’s Keeper“ hat sich nach Ross’ Angaben mehr als zwei Millionen Mal verkauft, seitdem das liebenswerte Moderatorenpaar Richard und Judy es dem Publikum mehrere Wochen immer wieder zum high tea angepriesen haben. „Wir machen aus Menschen Stars“, sagt Amanda Ross und meint, sie mache aus Schriftstellern Millionäre. „Einige unserer Autoren“, ergänzt sie, „sind inzwischen längst ihre eigene Marke.“

          „Hauptsache, wir liegen in den Buchhandlungen“

          „Ich kann allerdings gar nichts schlecht daran finden, auch jene Leute an Bücher heranzuführen, die sonst vielleicht nur Reality TV sehen“, so Peter Stothard, der Chefredakteur des „Times Literary Supplement“. Auch „Richard & Judy“ sind natürlich längst eine Marke geworden, und zwar eine, der der britische Käufer unbedingt vertraut. Ross hat William Boyds „Restless“ zu Gold gemacht, sie hat David Mitchells „Cloud Atlas“ unters Volk gebracht und den Verlag von Julian Barnes’ „Arthur & George“ dazu angeregt, die Veröffentlichung der Taschenbuchausgabe vorzuziehen, weil Ross für ihre Sendung nur in Erwägung zieht, was als Paperback rechtzeitig in den Buchhandlungen liegt.

          Wer nun denkt, dass Ross nur populären Trash auswählt, irrt: Unter den zehn Büchern, die sie mit ihrem vierköpfigen Team aus den etwa achthundert Titeln heraussiebt, die ihr jährlich zugeschickt werden – hinzu kommen das Paket aus acht Romanen für die Ferien und die eine oder andere Weihnachtsempfehlung –, sind durchaus anspruchsvolle Bücher. „Unsere Marke ist inzwischen so populär, dass sogar Leute die von uns empfohlenen Bücher kaufen, die die Show noch nie gesehen haben“, sagt Amanda Ross, die mit Richard und Judy und einem insgesamt elf Millionen Pfund schweren Deal gerade ins Abendprogramm des neuen, auf UKTV ausgestrahlten Satellitensenders „Watch“ gewechselt ist. Geld und Quote sind Amanda Ross längst egal: „Hauptsache, unsere Bücher liegen in den Buchhandlungen“, sagt sie und schielt nach ihrer Assistentin, weil sie gleich wieder einen Termin hat. Hauptsache, die Menschen lesen? „Natürlich“, sagt Amanda Ross. „Lesen ist der größte Spaß, den man sich selbst bereiten kann.“

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