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Die Messe und das E-Book : Das Buch ist unverbesserlich

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Die Zukunft des Lesens? E-Book von Amazon Bild: dpa

Ein kleines Gerät namens E-Book erschüttert die Buchbranche. Und ausnahmsweise sind alle betroffen: Verleger und Autoren, Agenten und Lektoren, Grossisten und der stationäre Buchhandel. Doch mit Qualität können die Verlage auch gegen die neue Konkurrenz aus dem Netz bestehen.

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          Wird dies tatsächlich die letzte Buchmesse klassischer Prägung, wie manche befürchten? Man konnte in der Vergangenheit schon häufig den Eindruck gewinnen, Gutenberg habe zugleich mit dem Buchdruck jene Skeptiker erfunden, die dem Verlagswesen immer wieder einmal den Untergang prophezeien – bisher stets zu früh. Nicht nur, weil es unser Grundbedürfnis nach dem Austausch von Erfahrungen und Erkenntnis stillt, ist das Geschäft mit den Büchern so solide und krisenfest, sondern weil es auf einem perfekten Produkt beruht: Das unscheinbare, über Jahrhunderte alltäglich gewordene Buch ist sozusagen ein evolutionärer Endpunkt in der Entwicklung kultureller Vermittlungstechnik.

          Diese Gewissheit droht nun ein kleines Gerät namens E-Book zu erschüttern. Und ausnahmsweise sind alle betroffen: Verleger und Autoren, Agenten und Lektoren, Grossisten und der stationäre Buchhandel. Denn selbst in der Branche, die den Wert guter Ideen in die Welt trägt, zählt nur Wachstum. Darum ist ein Jahr wie dieses, ohne „Harry Potter“, ohne ein neues Buch von Dan Brown, dem Autor des „Da Vinci Code“, also ohne Selbstläufer im Weihnachtsgeschäft, schon heikel genug. Dann waren da noch Fußball-EM und Olympia, große, in die Fernsehsessel bannende Sportereignisse, wie sie den Buchverkauf zuverlässig ins Straucheln bringen. Und jetzt droht der Branche mit der immer weiter reichenden Digitalisierung von Inhalten, mit den neuen E-Books und dem zunehmend dominanten Online-Buchhandel womöglich das Schicksal, das der Musikindustrie das Geschäft mit Tonträgern verhagelt hat: der kostenlose Tauschhandel im Internet. Hinzu kommt die Befürchtung, dass die Leser angesichts der drohenden Wirtschaftskrise anfangen könnten, an der falschen Stelle zu sparen.

          Stirbt der Verleger aus?

          Die Frankfurter Buchmesse, die in diesem Jahr ihr sechzigstes Jubiläum feiert, hat mit einer großen Online-Meinungsumfrage unter ihren Kunden die künftigen Auswirkungen der Digitalisierung zu ermitteln versucht. Bereits in zehn Jahren, so die Prognose, werde der Verkauf digitaler Inhalte den von traditionellen Büchern überholt haben; vierzehn Prozent der Befragten sehen den Verlegerberuf vom Aussterben bedroht, weil das E-Book als neuer, schneller und kostengünstigerer Vertriebsweg ihn bald überflüssig machen könnte.

          Statt in dieser Situation in die Defensive zu gehen und zu versuchen, den Status quo so lang wie möglich zu bewahren, sollten die Verlage souverän und selbstbewusst auf die Konkurrenz aus dem Netz reagieren. Denn wenn jetzt auch in der Buchbranche die Blase platzt, besteht die Chance, sich auf die eigentlichen, die ursprünglichen Werte zu besinnen: auf Qualität, auf das Buch als haptisches Erlebnis und Wissensspeicher, auf den Verleger als Anreger, Entdecker, Mentor, Bewahrer.

          Branche auf Pump

          Denn auch die Buchbranche lebt auf Pump. Seit Anfang der neunziger Jahre sind die Vorschüsse, die für erhoffte Bestseller und vielversprechende Debüts bezahlt werden, immer weiter gestiegen. Die Begünstigten sind Politiker und Prominente, aparte Neulinge und bereits als auflagenstark etablierte Autoren. Verschärft durch die bisweilen exorbitanten Forderungen von Agenten, die sich ritterlich darauf berufen, für ihre wirtschaftlich unbeholfenen Künstler lediglich das herauszuholen, was diesen ohnehin zustehe, werden mittlerweile Garantiehonorare aufgerufen und auch bezahlt, die die Verlage in Schieflage bringen müssen, wenn das Buch nicht reißenden Absatz findet.

          Die Verlierer indes sind nicht nur die Verlage, die dann darauf hoffen müssen, den Spekulationsverlust mit anderen Titeln wettzumachen, sondern auch die bescheideneren Autoren. Die Mischkalkulation, in der die zwar weniger erfolgreichen, literarisch jedoch keineswegs weniger bedeutsamen Titel von den Bestsellern mitfinanziert werden, bricht schnell zusammen – und wenn dann auf die gehaltvollen, nicht dem Massengeschmack entsprechenden Bücher, auf Avantgarde und Lyrik verzichtet werden muss, leidet nicht nur der einzelne Autor, sondern die Literatur insgesamt. Anstatt weiterhin dem Spekulationsbetrieb zu frönen, wo dreiseitige Exposés mit sechsstelligen Vorschüssen belohnt werden, bevor ein vermeintlicher Bestseller überhaupt geschrieben ist, vor dessen Verkauf die immer unverschämter auftretenden Buchhandelsketten überdies noch enorme Rabattabschläge gesetzt haben, sollten die Verlage sich auf ihre Rolle als qualitätssichernde Instanzen besinnen.

          Sollte das Geschäftsmodell Buch weiter aufgebläht werden, weil Autoren mittlerweile darauf bestehen, dass zu jedem neuen Titel mindestens das Hörbuch, wenn nicht gar eine Hörspielfassung, Filmrechte und Fernsehauftritte vermarktet werden müssten, droht der Branche möglicherweise eine ähnlich grundlegende Desillusionierung, wie wir sie in diesen Wochen am Finanzmarkt erleben. Die Verlage sollten dem Buch, diesem verlässlich anarchischen Gegenstand, trauen. Es braucht kein Ladekabel, kann nicht abstürzen, und sein Betriebssystem veraltet nicht. Denn die Technik bringt einen zwar von A nach B, die Phantasie jedoch überallhin.

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