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Der Weg zum Erfolgsbuch : Ich bin dann mal Ertugrul

  • -Aktualisiert am

Verdeckter Ermittler: Oliver Maria Schmitt alias Ertugrul Osmanoglu Bild: Marcus Kaufhold

Wie wird man auf der Buchmesse zum Erfolgsautor? Oliver Maria Schmitt hat sich dafür als Türke verkleidet - und versucht, Verlegern sein von Kerkeling und Charlotte Roche inspiriertes Werk „Ich bin dann mal in der Nasszelle“ anzudrehen.

          Ich bin zu beneiden. Ich habe alles, was ein erfolgreicher Autor braucht: einen sehr guten Namen, ein Wahnsinnsmanuskript, einen mitreißenden Titel und schon sehr bald einen Verlag, der hinter mir steht wie eine Eins mit sieben Nullen und mir beim Geldverdienen hilft. Jetzt müssen Manuskript und Verlag nur noch zueinanderfinden.

          Doch das ist kein Problem, denn ich habe das absolute Knüllerangebot. Eine Fusion der beiden größten Bucherfolge der letzten Jahre: „Ich bin dann mal weg“, das Jakobsweg-Wanderbuch von Hape Kerkeling, und „Feuchtgebiete“, das mit einem Hämorrhoidenpflaster versehene Körpersäftebuch von Charlotte Roche. Und nun gibt es beide Erfolge in nur einem Buch! Von mir! Um auch noch von der grassierenden Ethnowelle zu profitieren („Antonio im Wunderland“ etc.), kommt dieser künftige Bestseller nicht von einem Deutschen, sondern – viel besser – von einem Türken. So werde ich die traditionell freundlichen Gefühle, die man gegenüber der Türkei hegt, synergetisch für mich nutzen. Und auf der Frankfurter Buchmesse (Gastland: Türkei!) ein Manuskript anbieten, das nicht ich geschrieben habe, sondern der junge, vielversprechende, aber leider noch unbekannte türkische Autor Ertugrul Osmanoglu.

          Wanderung von Istanbul nach Berlin

          Gerade hat mein osmanisches Alter Ego die Arbeit an dem Zweihundert-Seiten-Werk beendet, ihm den Titel „Ich bin dann mal in der Nasszelle“ gegeben und ist insgesamt hochzufrieden. Dieses Manuskript, das spüre ich, wird sich auf der Messe verkaufen wie von selbst. Die spektakuläre Rahmenhandlung: Ein junger Türke wandert aus lauter Liebe, nur mit einem Rollkoffer bewaffnet, von Istanbul nach Berlin, trotz einer äußerst schmerzhaften Analfissur, die ihm das Gehen erschwert. Sein Ziel ist die urologische Abteilung der Charité. Dort arbeitet die deutsche Krankenschwester Ingeborg. H. Ertugrul ist unsterblich in sie verliebt und will ihr einen Heiratsantrag machen.

          „Der Titel ist zu lang, zu sperrig”: Kritiker Denis Scheck

          Auf der langen Wanderung denkt er pausenlos über die Liebe nach und muss wegen seiner nässenden Wunde immer wieder neue Sanitärräume aufsuchen. Vor dem Hintergrund einer romantischen Liebesgeschichte wird so der lange, beschwerliche Weg der Türkei nach Europa nachempfunden, außerdem werden neue, attraktive Wanderwege für Jung und Alt vorgestellt, und mit den Armeniern wird obendrein auch noch abgerechnet. Ein schonungsloses, ein offenes, ein leidenschaftliches Buch. Ein Welterfolg.

          Erbleichende Gesichter

          Bevor ich das Manuskript am Mittwoch auf der Messe an den Mann bringe, bevor alles losgeht, will ich mir einen ersten Überblick verschaffen. Die Stimmung auf dem Buchmarkt checken. Und zwar beim dienstagabendlichen Empfang des Berlin Verlages. Er gilt als die inoffizielle Eröffnung der Messe. In den Katakomben des „Frankfurter Hofs“ ist die Stimmung merkwürdig ausgelassen, ja, aufgepeitscht. Am Eingang zum Saal steht eine alte Frau. Es ist Ingo Schulze. Er lacht. Kein Wunder, der hat sein Buch ja auch schon verkauft. Auf hundert aufgestellten Plasmabildschirmen laufen Interviews mit Autoren, die allesamt aussehen wie Businesstypen. Geld liegt in der Luft. Ideales Klima für Vorverhandlungen. Ich hole meinen dicken Manuskriptpacken aus der Umhängetasche und plaziere ihn demonstrativ auf einem freien Stehtisch. Erbleichende Gesichter der Umstehenden. Sofort bildet sich ein etwa fünfzig Meter breiter Graben um meinen Tisch. Frechheit. Und das nur, weil ich einen türkischen Autor vertrete!

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