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Buchmesse-Bilanz : Die Ruhe vor dem Turm

Geht das auch beim E-Book? Kulturstaatsminister Bernd Neumann lässt sich den „Turm” von Uwe Tellkamp signieren Bild: Frank Röth

Trotz Finanzkrise und E-Book: Auf der diesjährigen Buchmesse waren alle merkwürdig entspannt. Allein in der manischen Rede vom „content“ gab sich die untergründige Nervosität zu erkennen. Orhan Pamuk kritisierte das Gastland Türkei. Und Uwe Tellkamp ließ sich fünf Tage feiern.

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          Es gab auf der Buchmesse ein Wort, das nicht nur Verlagsmanagern, sondern neuerdings auch Lektoren, Agenten und Presseverantwortlichen mühelos über die Lippen ging. Es war, anstelle des „Buchs“ oder des „Textes“, das Wort „content“. Wenn allein Michael Busch von der Geschäftsführung der Thalia-Holding es emphatisch verwendet hätte oder Dieter Bohlen bei seiner Pressekonferenz fragte, wie man „den content von som’ Buch denn vermarkten“ könne, hätte es einen nicht weiter gewundert.

          Julia Encke

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Doch hörte man das Wort auch aus den Mündern der Mitarbeiter ehrwürdiger Autorenverlage, die es mit der größten Selbstverständlichkeit zum Besten gaben, was man als bloßen Jargon verbuchen könnte, als bizarre Buchbrachensprache, die in den Messehallen ohnehin üblich ist: Da ist ein Roman „a good read“ oder „juicy“ geschrieben, da ist ein Ratgeber besonders „frauenaffin“, oder man nennt die gewohnheitsmäßigen Nicht-Leser, die jetzt das Buch des Rappers Bushido kaufen, das „Non-Reader-Segment“.

          Das E-Book - eine schizophrene Angelegenheit

          Doch geht es um ein bisschen mehr als den bloßen Jargon. Die diesjährige Buchmesse war die erste, auf der das E-Book in allen Köpfen präsent war, und die Konjunktur des „contents“ hängt mit dem digitalen Lesegerät unmittelbar zusammen. Wenn man durch die Hallen ging, war mit E-Book niemand zu sehen. Man musste schon die Präsentationen des Kindle oder des Sony Readers aufsuchen, um es überhaupt zu Gesicht zu bekommen. Aber alle sprachen darüber: Eine begeisterte Lektorin von Kiepenheuer und Witsch war mit ihrem Kindle aus Amerika schon im Urlaub gewesen und gestand, längst süchtig zu sein nach dem neuen Arbeitsgerät. Ein älterer Verleger sah darin den Untergang des Abendlandes. Andere gaben sich abwartend, weil längst nicht feststehe, ob das elektronische Lesegerät nun eine Revolution sei oder am Ende doch nur ein Flop. Und Harry Rowohlt wollte das Ding überhaupt erst ernst nehmen, wenn es wasserfest sei. Er lese in der Badewanne. Bücher könne man wenigstens hinterher auf die Heizung legen.

          Nun ist das E-Book eine etwas schizophrene Angelegenheit: Auf der einen Seite suggeriert es uns, ganz wie das alte Buch zu sein. Man kann es aufklappen, soll mit Sonderfunktionen Eselsohren machen und Dinge anstreichen können. Sicher gibt es, wie beim Autoblinker oder bei der Digitalkamera, die die alten Blink- und Auslöser-Geräusche akustisch einspielen, bald auch E-Books mit Seitenraschel-Umblätter-Sound. Zugleich sprengt es die Einheit des Buchs völlig auf, so dass vom Buch tatsächlich nur noch bedingt die Rede sein kann. Denn was die Marketingsprache als „content“ des E-Books bezeichnet, den man sich in Zukunft bei Grossisten wie Libri.de herunterladen kann, ist nicht nur der Text des Buchs. Es ist auch das ganze Drumherum: Interviews mit dem Autor, Kommentare, Pressestimmen oder gelesene Hörbeispiele. Man wird sich, etwa aus einem Sachbuch, auch einzelne Kapitel besorgen können, die einen besonders interessieren. Und wenn das alles gut gemacht ist, mag es sicher von Nutzen sein. Auf DVDs ist das Bonusmaterial oft ganz hervorragend.

          Pamuk hätte deutlicher nicht sein können

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