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Mordaufruf gegen Saviano : Stille aus Stockholm

  • -Aktualisiert am

Will keine Stellung beziehen: Horace Engdahl Bild: AP

Roberto Savianos Buch „Gomorrha“ ist zum Welterfolg und der Mafia tatsächlich gefährlich geworden. Die Camorra will Saviano nun ermorden. Das Nobelpreiskomitee schweigt dazu - und hält das Ganze für eine „Polizeiangelegenheit“.

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          Auf den ersten Blick könnte man glauben, so falsch sei das nicht: Die Müllabfuhr holt den Müll ab, der Hundefrisör frisiert den Hund, und der Tankstellenräuber raubt die Tankstelle aus. Ein jegliches hat seine Aufgabe unter dem Himmelszelt. Warum sollte der Hundefrisör die Tankstelle ausrauben? Warum sollte der Müllmann Hunde frisieren? Warum sollte jemand einfach so den Müll abholen? Vielleicht – und hier beginnt der zweite Blick –, weil die Müllabfuhr es nicht tut; weil sich der Müll zum Himmel stapelt; weil die Mafia sich der Branche bemächtigt hat, eine ganze Gegend terrorisiert, wobei der Müll noch das kleinste Problem ist.

          Nun ist einer aufgestanden, mutig genug: Roberto Saviano, dessen Buch „Gomorrha“ zum Welterfolg wurde. So nötig war dieser Aufschrei, so wirkungsvoll ist der sich formierende Protest, dass er der Mafia tatsächlich gefährlich wird – Verhaftungswellen sind angelaufen. Die Korruption scheint die Camorra immer weniger zu schützen. Vor Weihnachten noch, so hat die Organisation deshalb angekündigt, werde sie Saviano ermorden. Der einzige Schutz des Schriftstellers ist damit die Öffentlichkeit.

          „Eine Polizeiangelegenheit“

          Nur wenn seine Ermordung der Camorra mehr schadet als seine Kritik, hält dies ihre Killer zurück. Ein Solidaritätsaufruf kursiert seither, nicht nur unterzeichnet vom italienischen Staatspräsidenten, sondern auch von bereits elf Nobelpreisträgern. Die aus Protest gegen das Schweigen der Schwedischen Akademie zu den religiös motivierten Morddrohungen gegenüber Salman Rushdie bereits 1989 ausgetretene, von der Akademie aber weiterhin als Mitglied geführte Schriftstellerin Kerstin Ekman hat nun eine öffentliche Stellungnahme auch der Nobelpreis-Jury gefordert. Deren Ständiger Sekretär, Horace Engdahl, aber lehnte dies ab mit der Begründung, es handele sich um „eine Polizeiangelegenheit und keine Frage mit Blick auf die Verteidigung der Meinungsfreiheit“.

          Spätestens auf den zweiten Blick erweist sich das als höchst naiv. Doch damit nicht genug: Gerade das Nobelpreiskomitee wäre jetzt aufgerufen, ist es doch dafür bekannt, in dezidierter Weise Politik mit seinen Preisen zu machen. Churchill bekam 1953 den Literatur-, Elie Wiesel 1986 den Friedensnobelpreis. Zahlreiche Literaturnobelpreisbegründungen enthalten politische Statements, zuletzt im Jahre 2007, als Doris Lessing unter anderem für ihren Einsatz gegen den Kolonialismus ausgezeichnet wurde. Sollte Engdahl etwa Angst bekommen haben? Vielleicht wäre es da besser, den Laden zu schließen und stattdessen einen Hundefrisiersalon aufzumachen.

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