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Das E-Book „Kindle“ im Test : Die Wundertüte aus Seattle

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Am Ende möchte er sich doch diskret davon verabschieden: Hans Magnus Enzensberger hat das „Kindle” getestet Bild: ©Helmut Fricke

Alle reden davon, aber keiner hat es: Amazons E-Book Kindle verspricht vieles, nicht nur Entlastung für Rücken und Wände. Aber was taugt es wirklich? Hans Magnus Enzensberger hat es für uns getestet.

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          Es kann gar nicht genug Geräte geben. Reichtum ist nämlich, wie Aristoteles sagt, nichts weiter als eine Ansammlung von Werkzeugen zur Führung eines Haushaltes. Solche Prothesen haben allerdings die Tendenz, sich wie Fliegen zu vermehren. Kaum piepst der Wecker, schon rülpst die Kaffeemaschine, das Frühstücksfernsehen zwitschert, und der Toaster glüht. Wer würde das Haus verlassen ohne Mobiltelefon, Rechner, Digitalkamera, Blackberry, iPod, Playstation und Navigationssystem? So gegürtet wie ein japanischer Tourist, sieht man froh dem neuen Tag entgegen.

          Kein Wunder also, dass eine tüchtige Industrie uns fortwährend neue Apparate beschert. Sie sind ja derart praktisch! Besonders jüngere Personen, sagen wir: unter dreißig, gehen so mühelos mit ihnen um, als hätte eine gute Fee sie ihnen in die Wiege gelegt. Mögen andere sich durch dickleibige Betriebsanleitungen quälen – sie brauchen solche Notbehelfe nicht. Plug and play ist ihre Devise. Je neuer das Medium, desto müheloser sein Gebrauch.

          Im Griff des Geschäftsmodells

          Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Kunst der Programmierer auch der archaischen Kulturtechnik des Lesens Beine machte. Mobil, drahtlos, flexibel kommt ihr Produkt daher. Seine Vorzüge liegen auf der Hand. Gewicht: 300 Gramm, Speicherplatz 256 MB (aufrüstbar); 170.000 Bücher und alle möglichen Zeitungen und Zeitschriften lassen sich jederzeit abrufen; eine Suchmaschine, ein Wörterbuch und einen Lautsprecher gibt es als Dreingabe; außerdem kann man mit dem Gerät nach Herzenslust Musik hören, bloggen und mailen. Das Ding passt in eine Manteltasche und trägt den Namen Kindle®, was im Deutschen heimelig klingt wie ein Kosewort für das Baby.

          Bewundernswert ist auch das Geschäftsmodell der Firma Amazon, der wir diesen Gegenstand aus grauem Kunststoff verdanken. Wer es zum Preis von 359 Dollar erworben hat, gehört fortan zum Kundenkreis dieses Unternehmens, das ihn so leicht nicht mehr aus den Klauen lassen wird. Ohne Registrierung und Passwort kommt keiner davon, der sich mit ihm einlässt. Dafür, dass sich keinerlei Konkurrenz auf dem Maschinchen tummeln darf, ist gesorgt, so dass mit der Treue des Käufers gerechnet werden kann.

          Ein neuer Anlauf

          Bitte melden Sie Ihre Kreditkarte an! Dann stehen Ihnen nicht nur der Kindle® Store und die Kindle® Storefront, sondern auch die Kindle® Top Sellers jederzeit zur Verfügung. Amazon weiß auch, was gut für Sie ist, merkt sich, was Sie gelesen haben, und berät Sie unaufgefordert beim Kaufen und beim Abonnieren. Die Amazon 1-Click Payment Method sorgt dafür, dass das Bezahlen leichter denn je von der Hand geht.

          Seit diese unerhört günstige Form des Shoppings, zumindest in den Vereinigten Staaten von Amerika, von sich reden macht, ist in Verlegerkreisen eine gewisse Nervosität zu spüren. Obwohl früheren Versuchen, elektronische Bücher auf den Markt zu bringen, wie beispielsweise dem Rocket eBook von 1999, ein trauriges Ende beschieden war, fürchten sie, dass große Konzerne wie Amazon oder Sony diesmal mehr Glück haben und sich auf längere Sicht große Stücke aus dem Kuchen schneiden werden; die sogenannten „Analysten“ träumen bereits von fünfzehn bis zwanzig Prozent des Umsatzes an ihrem Content. So heißen bei Amazon Musikstücke, Texte, Bilder und Filme.

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