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Schöne Literatur in diesem Herbst : Der Provinz verschrieben

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Gustav Seibt hat ein beeindruckendes Porträt der napoleonischen Ära verfasst Bild:

Große Männer haben diesen Herbst in der Belletristik wenig zu lachen, während sie in der Ratgeberabteilung die Keule schwingen. Mit der DDR wird anlässlich des zwanzigsten Jubiläums ihres Untergangs abgerechnet: Die Trends in der Literatur.

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          Der Prinz liebt eine Puppe. Die Puppe gleicht der Königin aufs Haar, so dass der König schon einen Braten zu riechen beginnt, der dann aber doch nicht auf den Tisch kommt: Der Prinz zieht tatsächlich das ausgestopfte Abbild vor. Unterdessen tritt in Goethes Grille von 1778, „Der Triumph der Empfindsamkeit“, auch ein Kavalier des Prinzen auf, der den Hoffräuleins wässrige Münder macht, indem er sich als Neuerscheinungsexperte gibt: „Wir führen aber auch die neusten Werke, wie man sie von der Messe kriegt: Monodramen zu zwey Personen, Duodramen zu dreyen, und so weiter“.

          Fräulein Sora interessiert vor allem, ob darin auch gesungen wird. Der Kavalier: „Ey, gesungen und gesprochen!“, schiebt aber sogleich nach: „Eigentlich weder gesungen noch gesprochen. Es ist weder Melodie noch Gesang drin, deswegen es auch manchmal Melodram genannt wird.“

          Glauben an die Stärke des eigenen Geschlechts verloren

          Und in diesem Jahr? Wird gesungen und gesprochen? Goethe selbst ist schließlich zugegen. Dreißig Jahre nach dem Puppen-Dramolett nämlich feierte er einen weiteren Triumph: Er wurde zum Mann erklärt („Vous êtes un homme!“) durch keinen Geringeren als Napoleon. Gustav Seibt hat die Begegnung vom 2. Oktober 1808 zum Gravitationszentrum eines beeindruckenden Porträts der napoleonischen Ära gemacht („Goethe und Napoleon“, C. H. Beck).

          Uwe Tellkamps Monumentalepos „Der Turm” (Suhrkamp)
          Uwe Tellkamps Monumentalepos „Der Turm” (Suhrkamp) :

          Ansonsten haben große Männer wenig zu lachen in der Belletristik, während sie in der Ratgeberabteilung die Keule schwingen dürfen. Hat schon Frank Wedekind in der von seinem Enkel Anatol Regnier verfassten Biographie („Männertragödie“, Knaus) den Glauben an die Stärke des eigenen Geschlechts verloren, so gibt Marlene Streeruwitz der Männlichkeit den Rest. Mit ihrem milliardenschweren Hanswurst von Helden („Kreuzungen“, S. Fischer) möchte man wahrlich nicht tauschen: „Es war einsam, das Geld zu reiten.“ Der ambitionierte Theoriegehalt aber findet nicht ganz verlustlos in die Fiktion.

          Planieren statt sanieren

          Nicht einmal die alten Brachialen kommen ungeschoren in der Gegenwart an. Eine fulminante Sprachexplosion ist die „Ilias“-Neufassung von Raoul Schrott, auf die er den Markt weidlich vorbereitet hat, nun in der Tat geworden (Hanser). Auch hier aber sinken die Heroen zu pubertierenden „Maulhelden“ herab. Susanne Langes Übertragung des „Don Quijote“ (Hanser) präsentiert indes einen ernsthafteren Ritter als gewohnt, der aber nur umso tragischer erscheint. Da ist man fast schon dankbar für die maskuline Improvisation Christian Krachts, die anders als Paul Austers Erfindung eines Sezessionskriegs („Mann im Dunkel“, Rowohlt), Klaus Modicks Rückgriff auf die McCarthy-Ära („Der Schatten der Ideen“, Eichborn) oder Susan Chois Roman über das Zerriebenwerden in der Verdachtsmühle („Reue“, Aufbau) nicht einfach amerikakritisch gemeint ist.

          Dem schmalen Büchlein Krachts, kaum länger als sein Titel („Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten“, Kiepenheuer & Witsch), wurde mehr Aufmerksamkeit zuteil als vielen dicken Brocken dieser Messe (der dickste Brocken ausgenommen). Etwas ungewohnt wirkt die Szenerie schon, weil Lenin die Schweizer zur Revolution angestiftet hat, aber der Kampf von Mann gegen Mann, das ist ehrlicher Landserstoff: Planieren statt sanieren.

          Zwanzigstes Jubiläum des Untergangs der DDR

          Orten kam in der deutschen Literatur immer schon eine hohe Bedeutung zu, wofür vielleicht Johann Joachim Winckelmanns geoklimatische Spinnerei verantwortlich ist. Die Faszination scheint aber nicht gerade von den Metropolen auszugehen. Hansjörg Schertenleib („Das Regenorchester“, Aufbau) schickt einen Liebeskummerpatienten nach Irland, wo er eine alte Muse trifft. Bei Norbert Niemann („Willkommen neue Träume“, Hanser) zieht sich ein Medienaussteiger nach Bayern zurück. Karl-Heinz Otts Held reflektiert in einer Zelle sein Leben als Tankstellenpächter in einem Dorf („Ob wir wollen oder nicht“, Hoffmann und Campe). Städtischer dagegen Ulrike Draesners Gedichte, die den mentalen Überbau bereister Stätten evozieren („Berührte Orte“, Luchterhand). Endgültig zum Phantasma wird die Ferne bei Tilman Rammstedt („Der Kaiser von China“, DuMont).

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