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Niklas Luhmann über die Liebe : Ist die Liebe etwa ein Gefühl?

Und mit ihr? Die frühe Neuzeit hatte unter Aufnahme antiker Motive die Liebe ihrerseits als eine Art Krankheit dargestellt, als willenloses Ergriffensein. Amor: ein Kind. Sein Schuss: sozial unkontrolliert, manchmal ein Zufallstreffer. Der Pfeil: kann nicht herausgezogen werden. „Freiheit wird als Zwang getarnt“ (Luhmann), die moderne Freiheit nämlich, die in der Paarbildung ohne ständische oder elterliche Vorschriften liegt. All You Need Is Love.

Die Romantik als Falle

Der Einwand, auch heute werde nach wie vor mehr innerhalb von Schichten geheiratet als über ihre Grenzen hinweg, ist keiner. Denn auch innerhalb der guten Kreise kommen die Betroffenen nicht ums Sichverlieben herum und ihre Eltern nicht um Zurückhaltung bei Dirigierversuchen. „Du bringst mir keinen Hungerleider (Kommunisten, Ausländer, Protestanten, Schauspieler) nach Haus“, das sagt sich nicht mehr so leicht. Die Gesellschaft, notiert Luhmann, kann das Risiko beliebiger Heiraten tragen. Und die Ehen müssen das Risiko tragen, nur kraft Liebe stabil zu sein, ohne Außenhalt in Vermögen, Stand, Moral. Aber weshalb überhaupt Ehe?

Hier stellt sich die Systemfrage. Luhmann bezeichnet Familien als jene Systeme, in die sexuell fundierte Liebe eingeht. Nicht ohne Spannung: die Romantik kann Familien genauso zerstören wie Kredite die Wirtschaft. Fragen wie die, ob Liebe nicht der Austausch von strategischen Illusionen ist, durch die jeder den anderen sich nach Maßgabe dessen vorstellt, was er selbst zu sein wünscht, sind echt romantisch, untergraben aber das Zusammenleben.

Liebe und Sex - wer regiert wen?

Reagierte die Gesellschaft auf die Konflikte zwischen Hochgefühl und Dauer, Projektion und Alltag, Trieb und Idealisierung zunächst mit steigenden Scheidungsraten und anschließender Wiederverheiratung, so hat sie unterdessen auch die Existenz der Singles hervorgebracht. Leidet Luhmanns Studie also nicht daran, aus einer Zeit zu stammen, in der dieser Übergang von Liebe zu stabil-instabiler Ehe noch naheliegend schien? Ist sie nur noch werkbiographisch interessant, aber durch One-Night-Stands und Lebensabschnittspartnerschaften antiquarisch geworden?

Einst hieß es, die Frauen bekämen nach vorehelichem Geschlechtsverkehr keinen Mann, heute bekommen sie keinen ohne ihn. Doch auch das ist eine Form jener Indienstnahme von Sexualität durch Liebe, der Luhmann ein ganzes Kapitel widmet, wobei er sich aber nicht recht entscheiden kann, ob es sich nicht am Ende doch mehr um eine Indienstnahme der Liebe durch Sexualität handelt. Später wird er für diese Unentscheidbarkeit den Begriff der „symbiotischen Beziehung“ verwenden. Das Unsagbare und Unvergleichliche der Liebe werde durch nichtsprachliche Kommunikation bekräftigt, die Liebe umgekehrt überbrücke die Zeit zwischen der unmittelbaren Zweisamkeit.

Erhöhte Irrtumswahrscheinlichkeit

Fast scheint es, als habe sich seit jenem Seminar verwirklicht, was Luhmann in ihm so diagnostizierte: Die Moderne erschwere das Lernen der Liebe, weil ihre Fundierung in Sexualität zur Absonderung zwingt und nur noch hygienischen, physiologischen und massenmedialen Rat übriglässt, bis hinunter zur Pornographie. Das führt fast zwangsläufig zu erhöhter Irrtumswahrscheinlichkeit wie zum Normalwerden vorläufiger Affären, Probeliebschaften unter Vorbehalt und mit Ausstiegschancen schon am Morgen danach, was aber vom Liebesideal her missbilligt wird.

Von „Erst die Ehe, dann alles andere“ ist man zur Norm „Erst die Liebe, dann der Verkehr“ übergegangen. Inzwischen ist, anders als die letzte Fußnote des Buches noch festhielt, auch der umgekehrte Verlauf nicht mehr desavouiert. Darum könnte die Zeit seit 1969 im Sinne Luhmanns als eine von Lerngewinnen betrachtet werden.

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