https://www.faz.net/-g7u-10s7k

Jan Koneffke: Eine nie vergessene Geschichte : Wie kommt Großvater ins Goggomobil?

  • -Aktualisiert am

Die ganze Nacht hackt der Schulmeister verzweifelt aufs Eis ein. Auch Friedrich, den ältesten Sohn, der sich 1914 von der Kriegsbegeisterung mitreißen lässt, kann der Vater nicht retten; er fällt in der Schlacht. Clara, sehr ihrem Bruder Alfred zugetan, einem Abenteurer und Nationalisten, das genaue Gegenteil ihres Ehemanns, hatte Friedrichs vitalistische Ansichten unterstützt und will seinen Tod nicht wahrhaben. Geistig verwirrt, verleumdet sie ihren Mann. Der aber hält weiter zu ihr, nicht nur aus Moral, auch aus Liebe. Leopold zerbricht endlich daran, dass ihm Alfred Clara entführt und – „Ich bin in einer Partei, die das Kranke, Verfaulte und Morsche vernichten will“ – ins Irrenhaus einweist, aus dem es keine Rückkehr gibt.

Die utopische Macht der Musik

Die Erzählperspektive hat sich da bereits verlagert auf die beiden übrigen Söhne: Felix, eine sensible Natur, der das Zeug zum überragenden Pianisten hat, und Ludwig, der sich ausgerechnet in Felix’ Freundin Emilie verliebt. Für Felix bleibt deren hysterische Schwester Alma. Mit feinem Gespür auch für das Ironische schildert der Autor diese Doppelliaison. Koneffke verleiht seinen Figuren, die Zeit- und Denkströmungen repräsentieren, scharfe Konturen; aber er gibt ihnen stets Raum, sich zu entwickeln. Selbst Nebenfiguren gesteht er eigene Erzählstränge zu, am deutlichsten im Falle des gutmütigen, aber egozentrischen rumänischen Klaviervirtuosen Victor Marcu. Diesem folgt Felix Kannmacher blind, in der trügerischen Hoffnung auf Förderung seines Talents.

Die zurückgelassene Alma verbittert, wirft sich den Nationalsozialisten an den Hals und wird zur lebenslangen Plage für Ludwig und Emilie Kannmacher, jenes Paar, das 1968 im Auto den Tod findet. Nach der Flucht 1945 lebte man gemeinsam im holsteinischen Lehsahn. Wenn es neben den Kant-Referenzen ein Leitthema in diesem Buch gibt, dann ist es die utopische Macht der Musik: Immer wieder erspielt sich Felix am Klavier einen anderen Fortgang der Ereignisse, selbst als die Saiten längst zu Munition verarbeitet sind.

Koneffkes große, größte Erzählkunst

Die narrative Matrix wird durch zwei gegenzügige Entwicklungen aufgespannt: Die eine führt, als Kontrafaktur der Ursündenerzählung, immer weiter fort vom halbwegs glücklichen Urzustand, durch alle Katastrophen des zwanzigsten Jahrhunderts. Ihr Verkünder ist Postkutscher Weidemann: „Es kommt schlimmer, als es bereits ist.“ Aber der Weg führt auch wieder aufs aufgeklärte Paradies zu: Ludwigs Sohn Konrad entdeckt den Hausgott seines Großvaters neu und wird Philosophieprofessor. Auch wenn man nach 1945 unter dem „Reich der Zwecke“ etwas anderes verstand als die Verbindung vernünftiger Wesen, kehrte allmählich doch ein Grundbegriff von Sittlichkeit zurück.

Alle missglückten Familienromane ähneln einander, aber die geglückten, von Fontane bis Julia Franck, ruhen in sich: Im Porträt einer Familie spiegelt sich das Antlitz einer Epoche wider. Wie und auf welchem Niveau Jan Koneffke aus pommerscher Sicht ein Panorama der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts entwirft, das ist große, größte Erzählkunst.

Weitere Themen

Mozart-Manuskript für 130.000 Euro versteigert

238 Jahre alt : Mozart-Manuskript für 130.000 Euro versteigert

Ein 238 Jahre altes Manuskript Wolfgang Amadeus Mozarts ist in Berlin für 130.000 Euro versteigert worden. Das Schriftstück enthält eine Violinstimme für zwei Orchestertänze und Entwürfe eines seiner berühmtesten Konzerte.

Topmeldungen

Militärparade 2019 in Peking

Rivalität mit Amerika : Chinas militärische Aufholjagd

China investiert massiv in seine Streitkräfte. Es will Amerika militärisch ein- oder sogar überholen. In einigen Gebieten ist das schon gelungen. Das militärische Gleichgewicht in Asien beginnt sich zu verschieben.
Der CDU-Vorsitzende Armin Laschet

K-Frage der Union : Führende CDU-Politiker werben für Laschet

Besonders deutlich stellt sich Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble hinter den CDU-Vorsitzenden. Inzwischen ist in der Partei allerdings zu hören, es werde „eng“ für Laschet. Eine Entscheidung am Samstag wird für möglich gehalten.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.