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Heinz Strunk: Die Zunge Europas : Einsamkeit hat viele Namen

  • -Aktualisiert am

Bild: Rowohlt

Kein richtiges Leben im falschen: Heinz Strunk hat sich mit seinem zweiten Roman „Die Zunge Europas“ Zeit gelassen und erzählt von der negativen Schöpfungsgeschichte einer als zutiefst desolat erlebten Gegenwartsexistenz ohne Anfang und Ende.

          Der Held hat sich gehäutet; seine Aknepickel ist er los, dafür hat er jetzt Übergewicht. War es früher seine Hauptsorge, dass man ihn fassungslos anstarrt, so ist es nun sein „größter und in Wirklichkeit einziger Wunsch: mit nacktem Oberkörper Holz hacken, ohne dass es scheiße aussieht. Glück könnte so einfach sein. Nichts schmeckt so gut, wie Dünnheit sich anfühlt.“

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Heinz Strunk hat sich nach dem großen Erfolg von „Fleisch ist mein Gemüse“ Zeit gelassen mit seinem zweiten Buch. Aber seinen Helden erkennt man wieder. Aus Heinzer, dem „Mucker“, der sich durch seine trübe, mit Komik und Trauer ausgemalte Tanzkapellenexistenz schleppt, ist Markus Erdmann geworden, ein vierunddreißig Jahre alter Junggeselle aus Hamburg, der einen Fernsehunterhalter mit Gags beliefert. Milieu und Personal haben also Wiedererkennungswert, schon das war eine kluge Entscheidung: darüber zu schreiben, was man kennt. Statt der „Landjugend mit Musik“, die sich über einen Großteil der Kohl-Ära hinzog, nun das eine Woche lang drastisch geschilderte Großstadtdasein eines einsamen, wieder in fast jeder Hinsicht zu kurz gekommenen Mannes.

          „Mein Niedergang geht in die letzte Phase“

          Man wird über der zeitlichen Straffung kaum übersehen, dass Strunks neuer Roman „Die Zunge Europas“ einen weniger bündigen Eindruck als der Vorgänger macht. Die schon dort spürbare Neigung zu essayistischen Passagen und phantastischen Ausflüchten in Form von Liedtexten und Gedichten hat sich erheblich verstärkt und macht sich bisweilen selbständig, bis hin zu Kommentaren in eigener Sache, in denen Strunk über die Gelungenheit seiner Formulierungen nachdenkt. Die sieben Tage können, in biblischer Anspielung, gleichsam ontologische Geltung beanspruchen.

          Was hier erzählt wird, ist die negative Schöpfungsgeschichte einer als zutiefst desolat erlebten Gegenwartsexistenz ohne Anfang und Ende. Strunk, ein Kind der siebziger Jahre, lässt diese eine, unerträglich heiße Woche nach alter Väter Sitte an einem Sonntag beginnen und an einem Samstag enden - vermutlich nicht zufällig an dem Tag, der für junge Leute der Höhepunkt der Woche ist, für Markus Erdmann aber der auch vom Leser für nicht mehr möglich gehaltene Tiefpunkt: „Mein Niedergang geht in die letzte Phase.“

          Eine fortlaufende Serie von Pannen, Frustrationen und verpassten Chancen

          Dem gehen relativ ereignislose Tage voran. Markus Erdmann wuchs bei seinen Großeltern auf. Der Opa, früher ein „lebendes Verbotsschild“, dämmert der vollständigen Verkalkung entgegen; die Oma empfängt ihn zum sonntäglichen Mittagessen mit einem nur für ihn reservierten Gesichtsausdruck: „Enttäuschung und Trauer. Ich sollte mich schuldig fühlen. Als Grundgefühl. Entweder fürs Zuspätkommen oder für die anderen Sachen, die ich schon verbrochen hatte und noch verbrechen würde, und wenn das alles nicht langte, gab's ja noch die Erbsünde.“

          Innerhalb dieses von Strunk vorsichtig angedeuteten quasireligiösen Rahmens entfaltet sich das Leben des Enkels als eine fortlaufende Serie von Pannen, Frustrationen und verpassten Chancen, in deren Zentrum erotische Bedürfnisse und Phantasien stehen, die Markus Erdmann nie ausleben konnte und die auch in dem tristen Zusammensein mit der Gewohnheitsfreundin Sonja keine große Rolle spielen.

          Die im Kern konservativ gestimmte Kulturkritik

          Man kennt Strunks Obsession für sexuelle Nöte - hier ist sie zum Äußersten getrieben und entlädt sich in einer Nacht auf der Reeperbahn, die Markus Erdmann mit einer Zufallsbekanntschaft hinter sich bringt und die das Hauptthema des Romans mit einer geradezu schmerzlichen Direktheit in den Blick rückt: den Wettbewerb der Körper, der jeden links liegenlässt, der sich ungeschickt anstellt oder anderweitig gehandicapt ist. Es spricht für den Tatsachensinn des Helden, dass er dafür nicht die Schuld bei anderen sucht, sondern die darwinistische, von der Unterhaltungs- und Werbeindustrie bekräftigte Dimension, die hinter dem Treiben steckt, unumwunden anerkennt. Mit von eigenen Entbehrungen grotesk geschärften Augen registriert er auf St. Pauli das Diktat der Attraktivität und die trostlosen, demütigenden Geschlechterrituale, die es erzwingt.

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