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Heinz Strunk: Die Zunge Europas : Einsamkeit hat viele Namen

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Dahinter steckt die im Kern konservativ gestimmte Kulturkritik, um die es Strunk immer schon zu tun war und die hier noch einmal präzisiert wird: Das Leben junger Leute, vom Verlust an Orientierungen schon genug geplagt, wird korrumpiert vom falschen Denken der Konsumgesellschaft. Strunk zeigt, wie viel Unheil die auf gute Laune gedrillte und von ihm dafür in Grund und Boden verachtete Kreativszene anrichtet, indem sie den Leidensgrund des Daseins übersieht.

Unschöne Kindheitserinnerungen und abartige Körperphantasien

Diese Diagnose erhält zusätzliche Schärfe durch eine sich am Detail aufreibende Psychopathologie des Alltags: Ob es um Essens- oder Redegewohnheiten der Mitmenschen geht, um Musikgeschmack oder Freizeitgestaltung - Markus Erdmann, ängstlich auf Schonung seiner „armen Nerven“ bedacht, den Kopf voller unschöner Kindheitserinnerungen und bisweilen abartiger Körperphantasien, registriert alles, als liefe er mit abgezogener Haut durch ein Leben, dem er sich nicht gewachsen fühlt.

„Wer die Wahrheit übers unmittelbare Leben erfahren will, muss dessen entfremdeter Gestalt nachforschen, den objektiven Mächten, die die individuelle Existenz bis ins Verborgenste bestimmen. Redet man unmittelbar vom Unmittelbaren, so verhält man sich kaum anders als jene Romanschreiber, die ihre Marionetten wie mit billigem Schmuck mit den Imitationen der Leidenschaft von ehedem behängen, und Personen, die nichts mehr sind als Bestandstücke der Maschinerie, handeln lassen, als ob sie überhaupt noch als Subjekte handeln könnten, und als ob von ihrem Handeln etwas abhinge. Der Blick aufs Leben ist übergegangen in die Ideologie, die darüber betrügt, dass es keines mehr gibt.“ Die objektiven Mächte, die Adorno in der „Zueignung“ seiner „Minima Moralia“ aufruft, haben von ihrer heillosen Kraft nichts eingebüßt.

Die „Fabrikware der Natur“

Strunk legt sie ohne Rücksicht auf Verluste bloß und redet dabei einem Pessimismus das Wort, der sich vor Schopenhauer wahrlich nicht zu verstecken braucht. Was dieser als ontologischen, folglich unabänderlichen Tatbestand deklarierte, war für Adorno dem System geschuldet und bot deswegen noch Aussicht auf Besserung; Strunk liegt hier ungefähr in der Mitte. Gerade durch die Einsicht in den Verblendungszusammenhang gibt er Markus Erdmann jene Würde, die der im Alltag dauernd zu verlieren meint, und hält am Anspruch auf Humanität fest: „Alle Menschen sind am Anfang gut und am Ende wieder und die Zeit dazwischen damit beschäftigt, ein Leben zu führen, das nichts mit ihnen zu tun hat.“

Das tiefe Gefühl der Entfremdung vom wahren, unverstellten Leben, von dem Adorno träumte, gibt auch Strunk seinem bis zur Erschöpfung verzweifelten Helden mit, der gleichzeitig weiß, dass die „Fabrikware der Natur“, wie Schopenhauer die Mehrheit der Menschen nannte, auch unter anderen Umständen kaum glücklicher wäre: „Error! Der ganze Mensch eine Fehlermeldung, B-Ware, dysfunktional auf die Welt gekommen, Gewölle, in Bruchstücken herausgepresst, und niemand hat sich die Mühe gemacht, das Puzzle richtig zusammenzufügen.

Reflexionen aus dem beschädigten Leben

Sein ganzes Leben eine unausgesetzte Schwächung, immer entwich irgendwas, ohne dass mal was hinzugekommen wäre. Nie ist etwas in Schwingung geraten, dabei hätte man nur mal eine Seite (gemeint ist vermutlich Saite; die Red.) anzupfen müssen, früher, und gleich hätte das ganze Orchester mit eingestimmt. Er ist erfüllt, von oben bis unten ausgegossen mit diesem brennenden Schmerz, sein Herz ein blutender, schwerer Klumpen, der langsam nach unten durchsackt . . . Wie lange erträgt man es zu wissen, dass nichts mehr kommt?“

Strunks Reflexionen aus dem beschädigten Leben sind von einer nicht mehr zu überbietenden Trostlosigkeit, die freilich erträglich wird durch die bezwingende Komik, die er auch diesmal dem Leiden abgewinnt. So entfaltet dieses meisterliche, mit großer Wahrhaftigkeit geschriebene, im Innersten berührende Buch zuletzt eine reinigende Wirkung, die allein dem Lachen zu danken ist.

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