https://www.faz.net/-g7u-10b2k

Literatur als Denkmuskeltraining : Schluss mit der Wirklichkeit!

  • -Aktualisiert am

Dietmar Daths Romane sind Labyrinthe, in denen sich so mancher Leser schon verloren hat. Jetzt hat er endlich einen Roman für alle geschrieben: „Die Abschaffung der Arten" ist ein Buch über das Leben nach dem Untergang.

          5 Min.

          Es gibt ja jede Menge Leute, die sagen über die Bücher Dietmar Daths: Alles sehr schön und sicher auch sehr schlau, nur leider verstehe ich kein Wort. Und meinen damit: Die Wörter verstehen sie schon. Nur was sie ihnen sagen sollen, all diese Wörter, vereint in einem Text, in einem Buch, das wissen sie nicht. Und wenden sich gleichgültig, verärgert, böse ab. Auch ich bin schon in viele Bücher Dietmar Daths begeistert hineingegangen, habe zu lesen begonnen, staunte über all das Wissen und die Phantasie und die Geschichtsmöglichkeiten, die sich an jeder Ecke neu eröffnen. Und irgendwann kam dann doch meist der Punkt, an dem es eine Geschichtsmöglichkeit zu viel war, und ich dachte mich an einer Geschichte fest, dachte sie weiter, so für mich, und irgendwann war der Faden weg, war eine ganze Weile nicht wieder zu finden, und während ich noch suchte und suchte, war schon wieder ein neuer Dath-Roman erschienen.

          Lenin und der Durst

          Dietmar Dath schreibt sehr viele Bücher, in diesem Jahr sind es so vier, fünf. Bis vor anderthalb Jahren war er Redakteur im Feuilleton der F.A.Z., schrieb dort über Mathematik, Buffy, Sozialismus, Pop, die Zukunft und ein besseres Leben und lieferte sich mit seinem Kollegen Andreas Platthaus Textmengenwettbewerbe, die er manchmal sogar für sich entschied. Zwischendurch kam er auch immer mal als Geistesblitz mit Bart und Mütze in unsere Berliner Sonntagsfeuilleton-Räume hineingeschossen, eroberte den Computer, belegte mit drei Handgriffen im internen Archiv seine Siegertext-Anzahl, hinterließ einige sensationelle Gedanken und viel Unsinn im Raum - und war wieder weg.

          Jetzt trifft man ihn meist auf Buchmessen, unterm Arm die eigenen Neuerscheinungen der Saison. Im Frühjahr war das zum Beispiel das Buch „Maschinenwinter“, eine Streitschrift für den Sozialismus. Es steht der Satz darin, der eigentlich in allen Dath-Büchern stehen könnte: „Ich möchte gern, daß, wer dies gelesen hat, sich entschiedener im Recht fühlt beim Fordern, Streiken, Konspirieren und Untergraben des unvernünftig Gegebenen.“

          Daths ernsthaftes Beharren auf einem wahren Sozialismus, auf Gleichheit und Freiheit als Freiheit von Not und Ausbildungsschranken, halten in diesen brutalliberalen Zeiten viele Leute für einen Witz, für eine Art Folklore, die letzte ironische Wendung eines Überintellektuellen mit Hang zur Langeweile. Wie etwa Ulf Poschardt, der Dath vor kurzem in der „Welt am Sonntag“ staunend fragte: „Sie laden dazu ein, Lenin wiederzuentdecken. Ist das als Provokation gedacht?“ Und dazu Dath: „Ja, genauso wie der Vorschlag ,Trink mal was!' bei schwerem Durst.“

          Romantisierung als Veränderungsstrategie

          Dath will die Welt verändern und darüber schreiben. Und schreibend andere Weltmöglichkeiten entdecken und den Leser entdecken lassen. Darum geht es: um eine andere Welt. „Was Literatur kann, ist verspannte Denkmuskeln auflockern“, hat Dath einmal gesagt. „Wenn Leute sich nichts mehr vorstellen können, können sie drei Dinge machen: Sie können verreisen, dann wird ihnen klar, so wie es bei mir ist, muss es nicht sein. Sie können sich mit der Vergangenheit beschäftigen. Oder sie können ihren Möglichkeitssinn, wie Musil das genannt hat, aktivieren, indem sie Literatur lesen.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Tourismus-Krise : Das große Sterben der Hotels

          Stadturlauber fehlen, Geschäftsleute auch: Viele Hoteliers bangen um ihre Existenz. Das Aus für erste Adressen wie das „Anna“ in München oder den Hessischen Hof in Frankfurt gilt als Auftakt einer „dramatischen Auslese“.

          Corona-Infektionen : Bund und Länder wollen Privatfeiern beschränken

          Ein Beschlussvorschlag für die Bund-Länder-Konferenz am Nachmittag sieht konkrete Höchstteilnehmerzahlen für private Feiern vor. Ausnahmen soll es nur mit Hygieneplan und Genehmigung vom Gesundheitsamt geben.

          Vor Supercup gegen BVB : Schwerer Rückschlag für den FC Bayern

          Ausgerechnet beim großen Duell mit Borussia Dortmund muss der FC Bayern auf einen Schlüsselspieler verzichten. Auch der Einsatz von Verteidiger David Alaba ist fraglich. Zudem kommen Gerüchte über Torhüter Alexander Nübel auf.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.