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Asiatischer Buchmarkt : Wo die Zukunft gestern war

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Das E-Book? Ein Produkt von gestern auf dem japanischen Markt. Bild: picture-alliance/ dpa

Das E-Book kann die japanischen und koreanischen Verleger nicht schrecken. Dort ist man längst weiter. Bücher werden seitenweise auf Handys verschickt, kommentiert und abonniert. Bei überragendem Erfolg kommt es dann auch schon mal zum Druck.

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          Die Buchwelt ist in Aufruhr. Kindle, E-Book, Digitalisierung – nur unsichtbare Einser und Nullen statt schwarze Zahlen. Aber das, was auf der Messe als dunkle Zukunft verkauft wird, sorgt in Halle 6.0 bestenfalls für Schmunzeln, schlimmstenfalls für Erheiterung. Etwa bei den Japanern vom Verlag Shogakukan Inc: „Kennen Sie Kindle?“, fragt man. Freundliche Ratlosigkeit beim Gegenüber. „E-Book“, ergänzt man und zeichnet mit den Fingern ein Kindle-großes Viereck auf den Tisch. Skeptische Blicke, kurze Beratung, endlich Nicken. Ach ja, das kenne sie, sagt eine der Frauen hinter dem Stand, das habe es in Japan auch mal gegeben. Vor fünf, sechs Jahren. Das sei freilich gefloppt. Viel zu klobig. „Das ist ein wenig unhandlich. Mobiltelefone sind da doch viel praktischer“, sagt sie und sieht einen an, als ob man ihr gerade den C-64 als Zukunftsvision beschrieben hätte.

          Es kommt noch ärger: In ihrer Heimat läsen Jugendliche vor allem Handy-Romane, sagen die beiden Japanerinnen. Das Modell: Telefonanbieter haben Klassiker im Sortiment, nehmen aber auch junge Schriftsteller unter Vertrag. Die schicken jeden Tag vier oder fünf Seiten ihres Romans als SMS an die Handys derer, die sich zuvor als Abonnenten registriert haben. Abgerechnet wird mit der Telefonrechnung. Sehr beliebt seien Liebesgeschichten, sagen die Frauen. Junge Japanerinnen seien geradezu süchtig danach.

          Ein Viereck im Kopf

          „Aber das Display ist doch viel zu klein“, wendet man ein, mit letzter Hoffnung auf Rechthaben in der Stimme. Doch der Konter sitzt: Die Jugend in Japan wachse doch mit diesem Display-Format auf, sagen die Frauen. Ob das in Deutschland nicht so sei. Ja, doch. Und außerdem, legen die beiden nach, schrieben diese japanischen Schriftsteller ohnehin im passenden Format. Statt vieler Seiten nähmen diese Fortsetzungsromane eben viele SMS in Anspruch. Geschrieben im Übrigen mit dem Daumen.

          Je länger das Gespräch dauert, desto größer erscheint das Kindle-große Viereck im Kopf. Ob man sowas mal sehen könne, fragt man. Natürlich, sagen die Frauen und holen eine junge Standmitarbeiterin, die ihr Handy rausrücken muss. Es hat nur ein unerheblich größeres Display als die hier üblichen. Die vielen Schriftzeichen, die man nicht lesen kann, beweisen noch nichts. Aber die junge Frau bestätigt mir die Geschichte, mit einer höflichen Geduld, mit der im alten Europa Senioren das Internet erklärt wird. Dann zeigt sie, dass man, um weiterlesen zu können, einfach runterscrollen muss. Danke, so weit sind wir hier auch schon.

          Erfolgsdruck

          Eine Standecke weiter steht Choi Taekyung, der Präsident der koreanischen „E-Book Publishers Association“. Die Stände hier haben nichts Futuristisches, als wollten die Aussteller vor lauter Höflichkeit ihren Vorsprung nicht zur Schau tragen. Hat wenigstens er Angst vor Amazon?, fragt man ihn und ahnt, was er antwortet. Dass er dabei zu lachen anfängt, überrascht dann doch. Amazon spiele längst keine große Rolle mehr, meint Choi Taekyung, Korea habe eigene, bessere Anbieter. Die böten E-Books als eine Art Blog im Internet an, die Leser würden die Bücher kommentieren und die Anbieter danach entscheiden, ob und mit welchen Änderungen die Bücher gedruckt würden.

          Zurück bei den Japanerinnen, wird einem ein Buch in die Hand gedrückt. Es heißt „Kirihara Kiriko“, geschrieben von Kirifuki Konno. Dann sagt die Frau einen schönen Satz: „Dieses Buch wurde wegen seines großen Erfolges gedruckt.“ Das heißt, der Roman wurde ursprünglich nur häppchenweise als SMS versendet. Am Ende hatte die Tipperin sechzigtausend Abonnenten.

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