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Waterstones-Skandal : Buchladentarnung

  • -Aktualisiert am

Altes Mobiliar, neuer Eigentümer: Der Marktriese Waterstones betreibt eine verwegene Marketingstrategie um nicht aufzufallen. Bild: Waterstones

Wenn sich Goliath hinter David zu verstecken versucht, dann fällt das irgendwann auf: Die Buchhandlungskette Waterstones hat Etikettenschwindel betrieben und bekommt jetzt den Ärger der lokalen Buchhändler zu spüren.

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          Mit der leicht vorgesetzten georgianischen Front, dem pastellblau angestrichenen Rahmen und altmodischem Ladenschild am schmiedeeisernen Ausleger wirkt die kleine Buchhandlung wie eines jener Geschäfte, die den Hauptstraßen in hübschen englischen Kleinstädten wie etwa Southwold an der Küste von Suffolk den Anschein geben, sich dem Fortschritt erfolgreich verweigert zu haben. Aber der Schein trügt. „Southwold Books“ ist keine unabhängige Buchhandlung, sondern eine lediglich als solche getarnte Niederlassung der großen Waterstones-Kette, die sich durch geschickte Aneignung des Ortsnamens bei der Bevölkerung einschmeichelt.

          Im Ladenfenster weist ein unauffälliger handgeschriebener Aushänger darauf hin, dass Waterstones hier unter fremdem Handelsnamen firmiert. Wie die breitere Öffentlichkeit erst jetzt erfährt, ist das bereits im Juli 2014 eröffnete Geschäft eines von drei solcher Niederlassungen, die, alle ähnlich aufgemacht, nach ihrem jeweiligen Standort benannt sind. Heraus kam das bei der Neubewertung von Gewerbeimmobilien für die nach dem Preis des Grundstücks berechnete Grundsteuer. Wegen des vor allem im Süden Englands überhitzten Immobilienmarktes stehen Gewerbetreibenden kräftige Erhöhungen bevor, die kleinere Einzelhändler um ihre Existenz bangen lassen. Deren Zorn richtet sich gegen die großen Ketten, die Miet- und Kaufpreise in die Höhe treiben und individuelle Läden verdrängen.

          Waterstones wird jetzt unterstellt, Etikettenschwindel begangen zu haben, um den Widerstand gegen die Handelsriesen zu umgehen. Hätten die Bürger geahnt, dass ihnen ein trojanisches Pferd untergeschoben worden ist, wären sie mit Mistgabeln auf die Barrikaden gegangen, schimpft ein Ladenbesitzer. Dabei ist Waterstones äußerst behutsam vorgegangen: Nur Orte, die keinen unabhängigen Buchladen besitzen, seien in Frage gekommen, rechtfertigt sich der Geschäftsführer James Daunt. Zudem seien die drei fraglichen Läden derart klein – in Southwold misst die Fläche 65 Quadratmeter –, dass der Name „Waterstones“ falsche Erwartungen ans Buchangebot geweckt hätte.

          Die Initiative entspricht der Firmenstrategie von Daunt: Er hat für die Ladenkette den zentralen Einkauf abgeschafft, stattdessen ist es weitgehend den Filialleitern überlassen, ihr Sortiment nach den lokalen Bedürfnissen zu gestalten, um jedem Lokal den Charakter eines unabhängigen Buchladens zu verleihen. Auf diese Weise hat Daunt, der zuvor eine höchst erfolgreiche kleine Gruppe von unabhängigen Buchläden gegründet hatte, die vor dem Bankrott stehende große Waterstones-Kette saniert. Mit seiner Tarnübung hat er freilich auch eine alte englische Weisheit bestätigt: „Don’t judge a book by its cover.“

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

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