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Buch zur NSU-Mordserie : Das doppelte Deutschland

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Geheimnisse einer Doppelhaushälfte: Die Geschichte des NSU stützt sich im Wesentlichen auf die Funde im Schutt ihres Zwickauer Stützpunkts. Bild: dapd

Zweieinhalb Jahre nach Bekanntwerden der NSU-Mordserie erscheint endlich ein fundiertes Buch dazu. Die Autoren Stefan Aust und Dirk Laabs fördern in ihrer Geschichte Gespenstisches zutage.

          Die Moritaten des sogenannten NSU-Trios geistern durch unsere Zeit, wie die Verbrechen von Jack the Ripper das viktorianische England heimsuchten. Dabei erschüttert uns heute nicht das Spannungsfeld von rigiden Moralvorstellungen und hemmungsloser Gewalt, sondern die Übelkeit erregende Synthese von xenophober Mordlust und bundesrepublikanischer Spaßkultur. Es dürfte die erste terroristische Vereinigung der Welt sein, die sich eine Zeichentrickfigur für Kinder zum Symbol wählte und die sich, um ihre Verbrechen in Serie zu begehen, als Sportler und Freizeitdeutsche im Wohnmobil tarnten. Doch was ist ihre Geschichte?

          Die Version, die wir kennen, hat einen entscheidenden Nachteil: Sie wurde aus den Fragmenten im Nachlass der Hauptverdächtigen zusammengefügt. Wir geben wieder, wie sich die Täter gerne darstellen wollten, und müssen uns seitdem irgendwie einen Reim darauf machen. Er klingt bloß nicht besonders gut, weil zu viele Strophen leer bleiben. Es gab keinen Strafprozess gegen die beiden Hauptverdächtigen, gegen Tote wird nicht ermittelt. Somit bilden das von ihnen selbst produzierte Video und die bei ihnen gefundenen Souvenirs des Grauens den Stoff, mit dem wir irgendwie fertig werden müssen.

          Wenn wir uns von der Sicht der Täter emanzipieren wollen, sind wir auf ernsthafte, unabhängige Recherchen angewiesen, und die brauchen Zeit. So ist es fast schon ein Wunder, dass zweieinhalb Jahre nach dem Bekanntwerden des Zwickauer Trios, paradoxerweise zunächst als Bankräuberduo in Eisenach, das erste große Buch vorliegt, Stefan Austs und Dirk Laabs „Heimatschutz“. Die gut achthundert Seiten ergeben kein glattes, beruhigendes Werk, mit dem alle Fragen geklärt wären, sondern wirken wie der Roman unserer jüngsten Vergangenheit, eine Abfolge von beklemmenden Szenen und zum Teil abstrusen Figuren, welche die in diesem Fall äußerst ungute Eigenschaft haben, wahr zu sein. Das Grundmotiv ist das der Doppelung, einer perversen Verbindung des Gegensätzlichen, ja, Antagonistischen zum Zwecke der Zerstörung.

          Sie mordeten virtuos und skrupellos

          „Zwei Brüder“ könnten die Täter sein, hatte einer der mit dem Anschlag von Köln befassten Profiler festgehalten und lag nicht falsch, obwohl der doppelte Uwe nicht durch Verwandtschaft verbunden war, die beiden Männer auch ganz unterschiedliche Charaktere und Fähigkeiten hatten und, am Ende der Geschichte, der eine den anderen erschoss. Die beiden Uwes bildeten auch zwei Teams zur Durchführung ganz unterschiedlicher Verbrechen: einmal die Mord- und Bombenserie, dann die Banküberfälle zur Finanzierung ihres Lebensunterhalts und der Aktionen. Bloß passen beide Geschichten, das ist eine der wichtigsten Erkenntnisse des Buches, nicht gut zusammen: Das Team der Bankräuber wird von vielen, unterschiedlichen Zeugen ganz ähnlich beschrieben, nämlich als durchweg hektisch und unprofessionell. Sie scheuen während der Überfälle vor dem Gebrauch ihrer Waffen zurück und ziehen meistens mit nur geringer oder, in zwei Fällen, ganz ohne Beute ab.

          Offenbar ist ihnen die Logik der Geldaufbewahrung in den Filialen nicht bekannt, oder sie haben sie nicht verstanden. Die Tatorte sind nicht ausgekundschaftet, die Abläufe nicht geübt. Einmal wird einer der Bankräuber von einem Rentner tätlich angegriffen und flieht. Dann hat er mit einem Azubi zu kämpfen und kann sich nur befreien, indem er aus kurzer Distanz auf den jungen Mann schießt, wobei es zum Glück zu keiner lebensgefährlichen Verletzung kommt. Der größte Erfolg der mäßig talentierten Bankräuber ist es, unerkannt zu entkommen und ihr Verbrechen dreizehn Jahre lang ausüben zu können.

          Es ist das andere Team, das zum nationalen Albtraum wurde: Diese beiden haben das Morden zu ungeahnter Virtuosität gebracht. Sie töten am helllichten Tag in unvertrautem Revier. Sie schießen auch in der Nähe von Zeugen und in unmittelbarer Nachbarschaft von Polizeirevieren. Sie werden beim An- und Abfahren nicht gesehen und benötigen für ihr nahezu lautloses, schwarzes Schicksalsspiel nur wenige Sekunden. Besonders plausibel ist es nicht, dass es sich jeweils um dieselben Männer handelt.

          Eine dramatische Doppelung

          Die Geschichte des NSU ist eine Lektion in phantastischer Theoriebildung: Unmittelbar nach dem Polizistenmord von Heilbronn 2007 lernte die bundesdeutsche Öffentlichkeit bereits, mit dem Phantom zu leben. Eine wie ein Mann gekleidete Frau, aus dem fahrenden Volk, die in Gartenlauben einbricht und ihre DNS auf Tatorten in ganz Europa hinterlässt, zu ganz unterschiedlichen Verbrechensgattungen. Dieses forensische Fabelwesen wurde eifrig beschrieben und fleißig analysiert, man spann zig Theorien zu diesem unerhörten Phänomen. Eher mühte man sich mit dieser so unwahrscheinlichen Figur ab, als dass man methodisch das eigene Werkzeug überprüfte. Jahre verlor man mit der Phantomjagd, bevor man herausfand, dass die Wattestäbchen zur Probenaufnahme nicht steril waren, die Spur war stets die einer Mitarbeiterin der Wattestäbchenhersteller.

          Doch ist die heutige Version des Tatgeschehens plausibler? Danach hätten die beiden Männer des sogenannten NSU wahllos auf die beiden Polizisten gefeuert, einfach aus pauschalem Hass auf den Staat. Warum attackierten sie aber nicht die Polizei in Thüringen? Auch hier folgt die offizielle Leseart der Selbstdarstellung nach den Funden im Eisenacher Wohnmobil und jener des NSU-Films. Einen davon unabhängigen Beweis für die Anwesenheit der beiden Uwes am Tatort gibt es nicht. Wohl aber gibt es Zeugen, und die haben andere Männer beschrieben, insgesamt fünf oder sechs. Es wurden nach diesen Aussagen Phantombilder gefertigt, aber nie veröffentlicht. An jenem Tag war sehr viel Polizei unterwegs in Heilbronn; außerdem war, wie es die Autoren des Buches für so viele Schauplätze dieses Buches recherchiert haben, eine rege Geheimdienstaktivität zu verzeichnen.

          Ist es immer so in dieser Republik, dass permanent V-Leute oder deren Betreuer, dass ausländische Dienste und ihre Zuträger durch die Straßen und über die Plätze flanieren? Das ist die dramatischste Doppelung in „Heimatschutz“: die des ganzen Landes. Es scheint in Kriminalfällen zum einen die uns vertraute Benutzeroberfläche zu geben, mit Bürgern und Polizisten, Zeugen und Tätern; parallel dazu aber ein ganz anderes Land, in dem viele Akteure Doppelrollen spielen, also Täter sind und V-Mann, Ordnungshüter oder als V-Mann-Führer nur ein Beobachter der Unordnung – Personen, die abtauchen und nie zur Verantwortung gezogen werden.

          Einblick in die Ermittlungspapiere

          Eine der größten Leistungen dieses Buches ist es, auf die Lücken in der offiziellen Version hinzuweisen, ohne gleich mit neuen Theorien aufzuwarten. Die ganze Geschichte des NSU ist eine Übung in Hypothesenbewertung. Ist es denkbar, dass in Kassel ein Verfassungsschützer den Mord in dem gerade von ihm besuchten Internetcafé überhört, übersieht und selbst die Leiche nicht entdeckt? Kann es sein, dass eine sogenannte Pumpgun, also eine Schrotflinte, die vor dem Schuss durchgeladen werden muss und zum Suizid per Mundhöhlenschuss benutzt wird, auch nach dem Tod des Schützen noch mal von allein durchlädt und schießt? Denn es fanden sich zwei Schrotpatronen neben der Leiche. Kann es sein, dass das Mobiltelefon von Beate Zschäpe aus einem unschuldigen Grund achtzehnmal aus dem sächsischen Innenministerium angerufen wurde, als der Selbstmord der beiden Uwes öffentlich wurde? Und selbst wenn all diese Versuchsanordnungen theoretisch möglich sind – genügt das dann schon als Beweis, dass es auch wirklich so war?

          Eines aber wird auch deutlich in den fundierten Recherchen von Stefan Aust und Dirk Laabs: Die Polizisten von Sachsen und Thüringen waren nicht auf dem rechten Auge blind. Bis hin zum Landeskriminalamt wurde immer versucht, die rechte Gewalt durch Strafverfolgung einzudämmen. Aber ab einer bestimmten Ebene erlahmt der Elan, worüber sich selbst die Polizisten wundern. Völlig rätselhaft bleibt, warum Uwe Böhnhardt, der schon früh eine kriminelle Karriere beginnt, nie ins Gefängnis muss. Und es bleibt eines der anklagenden Rätsel dieser Geschichte, wie drei gesuchte Menschen wohlig in der Republik wohnen, urlauben und feiern können, in einer – dies anschaulich zu machen ist eine der großen Leistungen des Buchs – von Spitzeln nur so durchsetzten Szene, ohne dass jemand davon erfahren konnte, wenn er es denn nur wollte. Ein Mantra wiederholen die Spitzen der deutschen Sicherheitsbehörden in jener Zeit unablässig: „Eine braune RAF gibt es nicht.“ Und weil es sie nicht geben darf, werden auch die vielen Indizien und Zeugenaussagen, die in diese Richtung weisen, herausgefiltert.

          In der Geschichte des NSU hat man Karl Popper auf den Kopf gestellt: Die Theorie bestimmt, welche Beweise gebraucht werden. Schier endlos ist die in diesem Buch dokumentierte Serie von Zeugen, unbescholtenen, hilfsbereiten Bürgern, deren Beobachtungen von den Behörden nicht ernst genommen wurden, die niemals zurückgerufen wurden, und von Polizisten, die sich über ihre Direktiven wundern. Sehr interessant ist auch, wie man, weil die Ermittlungsrichtung „braune RAF“ nicht gewünscht war, mit kulturellen Vorurteilen operiert hat, wie etwa dem, in so vielen Berichten über die Mordserie zu lesen, die Angehörigen aus türkischen Familien würden gegenüber der Polizei schweigen. Das Gegenteil war der Fall, sie haben die Beamten mit Hinweisen überreichlich bedient, sie liefen bloß in eine falsche Richtung. Lesenswert sind auch jene Papiere, in denen Fahnder all die Argumente versammelt haben, die gegen eine rechtsextreme Mordserie sprechen.

          Der Spruch von der „braunen RAF“ ist auch deswegen so interessant, weil auch die Linksterroristen ohne geheimdienstliche Interventionen von der Stasi kaum so lange durchgehalten hätten. Die Beteiligung der westlichen Dienste am Terrorismus der siebziger und achtziger Jahre wird auch immer heftiger diskutiert, in Italien ließ Premierminister Renzi hierzu brisante Akten öffnen. Im Fall NSU spricht die Reaktion der Dienste Bände: Kaum wird die Geschichte der beiden Uwes offenbar, geht das große Schreddern los. Selbstschutz geht vor. Weder Gerichte noch Untersuchungsausschüsse vermögen bislang die Geheimdienste zur Aufklärung zu bewegen. Unsere offene Gesellschaft unterhält in ihrer Mitte eine geschlossene, und aus diesem Zwiespalt erwächst der Albtraum von Sicherheitsbehörden, die ein doppeltes Spiel spielen.

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