https://www.faz.net/-gqz-7qhzq

Buch zur NSU-Mordserie : Das doppelte Deutschland

  • -Aktualisiert am

Geheimnisse einer Doppelhaushälfte: Die Geschichte des NSU stützt sich im Wesentlichen auf die Funde im Schutt ihres Zwickauer Stützpunkts. Bild: dapd

Zweieinhalb Jahre nach Bekanntwerden der NSU-Mordserie erscheint endlich ein fundiertes Buch dazu. Die Autoren Stefan Aust und Dirk Laabs fördern in ihrer Geschichte Gespenstisches zutage.

          6 Min.

          Die Moritaten des sogenannten NSU-Trios geistern durch unsere Zeit, wie die Verbrechen von Jack the Ripper das viktorianische England heimsuchten. Dabei erschüttert uns heute nicht das Spannungsfeld von rigiden Moralvorstellungen und hemmungsloser Gewalt, sondern die Übelkeit erregende Synthese von xenophober Mordlust und bundesrepublikanischer Spaßkultur. Es dürfte die erste terroristische Vereinigung der Welt sein, die sich eine Zeichentrickfigur für Kinder zum Symbol wählte und die sich, um ihre Verbrechen in Serie zu begehen, als Sportler und Freizeitdeutsche im Wohnmobil tarnten. Doch was ist ihre Geschichte?

          Die Version, die wir kennen, hat einen entscheidenden Nachteil: Sie wurde aus den Fragmenten im Nachlass der Hauptverdächtigen zusammengefügt. Wir geben wieder, wie sich die Täter gerne darstellen wollten, und müssen uns seitdem irgendwie einen Reim darauf machen. Er klingt bloß nicht besonders gut, weil zu viele Strophen leer bleiben. Es gab keinen Strafprozess gegen die beiden Hauptverdächtigen, gegen Tote wird nicht ermittelt. Somit bilden das von ihnen selbst produzierte Video und die bei ihnen gefundenen Souvenirs des Grauens den Stoff, mit dem wir irgendwie fertig werden müssen.

          Wenn wir uns von der Sicht der Täter emanzipieren wollen, sind wir auf ernsthafte, unabhängige Recherchen angewiesen, und die brauchen Zeit. So ist es fast schon ein Wunder, dass zweieinhalb Jahre nach dem Bekanntwerden des Zwickauer Trios, paradoxerweise zunächst als Bankräuberduo in Eisenach, das erste große Buch vorliegt, Stefan Austs und Dirk Laabs „Heimatschutz“. Die gut achthundert Seiten ergeben kein glattes, beruhigendes Werk, mit dem alle Fragen geklärt wären, sondern wirken wie der Roman unserer jüngsten Vergangenheit, eine Abfolge von beklemmenden Szenen und zum Teil abstrusen Figuren, welche die in diesem Fall äußerst ungute Eigenschaft haben, wahr zu sein. Das Grundmotiv ist das der Doppelung, einer perversen Verbindung des Gegensätzlichen, ja, Antagonistischen zum Zwecke der Zerstörung.

          Sie mordeten virtuos und skrupellos

          „Zwei Brüder“ könnten die Täter sein, hatte einer der mit dem Anschlag von Köln befassten Profiler festgehalten und lag nicht falsch, obwohl der doppelte Uwe nicht durch Verwandtschaft verbunden war, die beiden Männer auch ganz unterschiedliche Charaktere und Fähigkeiten hatten und, am Ende der Geschichte, der eine den anderen erschoss. Die beiden Uwes bildeten auch zwei Teams zur Durchführung ganz unterschiedlicher Verbrechen: einmal die Mord- und Bombenserie, dann die Banküberfälle zur Finanzierung ihres Lebensunterhalts und der Aktionen. Bloß passen beide Geschichten, das ist eine der wichtigsten Erkenntnisse des Buches, nicht gut zusammen: Das Team der Bankräuber wird von vielen, unterschiedlichen Zeugen ganz ähnlich beschrieben, nämlich als durchweg hektisch und unprofessionell. Sie scheuen während der Überfälle vor dem Gebrauch ihrer Waffen zurück und ziehen meistens mit nur geringer oder, in zwei Fällen, ganz ohne Beute ab.

          Offenbar ist ihnen die Logik der Geldaufbewahrung in den Filialen nicht bekannt, oder sie haben sie nicht verstanden. Die Tatorte sind nicht ausgekundschaftet, die Abläufe nicht geübt. Einmal wird einer der Bankräuber von einem Rentner tätlich angegriffen und flieht. Dann hat er mit einem Azubi zu kämpfen und kann sich nur befreien, indem er aus kurzer Distanz auf den jungen Mann schießt, wobei es zum Glück zu keiner lebensgefährlichen Verletzung kommt. Der größte Erfolg der mäßig talentierten Bankräuber ist es, unerkannt zu entkommen und ihr Verbrechen dreizehn Jahre lang ausüben zu können.

          Weitere Themen

          Plötzlich abgedriftet

          Corona-Demos : Plötzlich abgedriftet

          Ein Mann hat eine Familie gegründet, Karriere gemacht, Preise gewonnen. Was kommt noch, wenn man mit fünfzig alles erreicht hat? Er entdeckt die Kraft von Verschwörungstheorien und hat einen Feind: Bill Gates. Und die angenehme Gewissheit, genau zu wissen, wer Freund und Gegner ist.

          Topmeldungen

          Ministerpräsident Bodo Ramelow vor einer Regierungserklärung im Thüringer Landtag.

          Thüringen plant Lockerungen : Mutig oder falsch?

          Die Pläne der Thüringer Landesregierung, den allgemeinen Lockdown wegen der Corona-Pandemie vom 6. Juni an aufzuheben, stößt nicht nur bei Gesundheitsexperten auf scharfe Kritik. Doch in der Bevölkerung erfährt Bodo Ramelows Vorstoß auch Zustimmung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.