https://www.faz.net/-gqz-9svii

„Lebenswerk“-Autorin Rachel Cusk : Mutterschaft ist etwas, das junge Frauen heute wütend macht

  • -Aktualisiert am

Rachel Cusk Bild: Opale/Leemage/laif

Rachel Cusk bekam ein Kind. Und dann noch eins. Sie schrieb über das Mutterwerden ein Buch, das zum Skandal und Erfolg wurde. Jetzt erscheint es endlich auch auf Deutsch. Eine Begegnung.

          5 Min.

          Die Schriftstellerin Rachel Cusk steht barfuß in der Einfahrt ihres Hauses in einem Dorf an der Nordwestküste Englands und unterhält sich mit einer jungen Frau. Ihre Köpfe liegen nah beieinander, sie streicht ihr eine blonde Strähne aus dem Gesicht, als sie mich heranfahren sieht, umarmt sie sie, das Mädchen läuft die Landstraße hinunter und biegt hinter einem Busch Richtung Ortskern ab. „Das war meine Tochter“, sagt Cusk, „sie arbeitet über die Sommerferien in einem Café hier im Ort.“

          Rachel Cusk ist groß, sehr schlank, trägt eine enge graue Jeans und ein hellgelbes Hemd mit Schmetterlingen. Sie ist ungeschminkt oder zumindest so geschminkt, dass es aussieht, als sei sie es nicht. Sie hat einen breiten, nachdenklich wirkenden Mund, kluge braune Augen, ein Muttermal neben dem linken Nasenflügel. Sie ist freundlicher oder weniger streng als gedacht. Wir sitzen auf der Terrasse ihres Hauses vor einer riesigen Wiese, Cusk zieht an ihrer weißen E-Zigarette und erzählt davon, dass nicht nur ihre Tochter, sondern auch ihr Stiefsohn den Sommer über im Ort arbeitet: „Wir leben gerade alle zusammen hier, es ist ein großes Durcheinander, aber ich mag das Haus jetzt noch mehr als zuvor.“ Das Haus, ein L-förmiger Containerbau, der sich mit seiner rohen Schieferfassade von der Niedlichkeit der Backsteinhäuser der Region distanzieren will, hat ihr Ehemann, der Künstler Siemon Scamell-Katz, gebaut. Die beiden leben seit einiger Zeit hier, die Kinder sind normalerweise in London.

          „Eine gefährliche Kinderhasserin“

          Um sie, also die Kinder, Cusks zwei Töchter aus erster Ehe, soll es an diesem Augustmorgen gehen. Und darum, wie sie in das Leben der Autorin traten, die mit ihrer Mutterschaft haderte. Vor achtzehn Jahren hat Cusk darüber ein Buch geschrieben, das erst jetzt auf Deutsch erscheint: „Lebenswerk: Über das Mutterwerden“. Und in dem es um den, wie Cusk es nennt, „eigenartigen Moment der Mutterschaft im Leben einer Frau“ geht. Sie berichtete darin, lange bevor es zu einem feministischen Trend wurde, ehrlich, liebevoll, auch lustig, wie brutal dieser Einschnitt war. Erzählte, dass sie sich fühlte, als wäre sie irrtümlich im Knast gelandet, dass sich dem irrationalen Willen des Babys, dieses Tyranns im Kostüm eines Opfers, unterwerfen und dafür selbst aufgeben musste. Bis dahin hatte Cusk Romane geschrieben, dieses persönliche Buch aber, ihr allererstes, habe sich ihr geradezu aufgedrängt, als sie im Jahr nach ihrer ersten Tochter schon mit der zweiten schwanger war. Plötzlich sei dieses Gefühl der Angst, der Selbstentfremdung, wieder dagewesen: „Mir wurde klar, dass das weibliche Gehirn diesen Geisteszustand der frühen Mutterschaft einfach aus der Erinnerung löscht. Das ist gefährlich, deshalb schien es mir so wichtig, es aufzuschreiben.“

          Im Buch heißt es, es sei eine „darwinsche Bremse“, ein artenerhaltender Trieb, der wolle, dass Frauen vergessen, also nicht mitteilen können, wie sich das Mutterwerden wirklich anfühlt: „Ich denke oft, die Menschen würden keine Kinder mehr machen, wenn sie wüssten, wie es ist“, schreibt Cusk da und erntete für diese Ansicht – vielleicht auch grundsätzlich dafür, öffentlich darüber zu sprechen, dass ein Kind für eine Frau nicht nur Glück bedeutet – viel Kritik.

          Die härteste kam von Frauen. Von der „School-Gate“-Fraktion, wie sie sie nennt: „Mir war bis dahin nicht bewusst, wie böse Frauen sein können. Meine Kinder waren noch ganz klein, als das Buch rauskam, und auf einmal schrieben da Frauen, andere Autorinnen, ich sei eine gefährliche Kinderhasserin. Ich sei nicht in der Lage, mich um meine Mädchen zu kümmern.“ Cusk spricht jetzt langsamer, leiser, fast so, als würde sie fürchten, der wütende Müttermob könnte gleich um die Ecke biegen und sie doch noch lynchen: „Ich war darauf nicht vorbereitet. Ich hatte keine Ahnung, dass so viel Hass und Wut auf mich zukommen würde.“

          Kurzzeitig eine der meistgehassten Frauen Englands

          Was genau diese Frauen so wütend machte, kann Cusk sich bis heute nicht erklären. Ihr Feminismus habe darunter stark gelitten, sagt sie und lacht: „Sehr sogar.“ Denn auch wenn sie sich heute darüber freut, wieder über „A Life’s Work“ zu sprechen, auch wenn sie erleichtert ist, dass ausländische Verlage dem Text nicht mehr mit Angst begegnen, habe es sich damals doch wie der Einstieg in eine Kampfzone angefühlt. Zumal ihr zweites Familien-Buch („Aftermath: On Marriage and Separation“, 2012), das man als Fortsetzung des ersten lesen kann, mindestens ebenso aggressiv aufgenommen wurde.

          Weitere Themen

          Tortenkunst mal anders Video-Seite öffnen

          „The Bakeking“ : Tortenkunst mal anders

          Eine Schimpansentorte in Lebensgröße - das ist die neue Kreation von Ben Cullen, der als „The Bakeking“ mit seinen Backkreationen begeistert. Auf der „Cake International“ trifft er die besten Tortenkünstler der Welt.

          Topmeldungen

          Abwärtstrend der Union : Die verlorene Heimat

          Für viele in der Union war Schwarz-Grün mal eine moderne Idee. Jetzt wächst die Angst, dass die Grünen übermächtig werden – und sie selbst als Juniorpartner enden.
          Ein gepanzerter Polizeiwagen versucht in der Nacht eine Barrikade zu durchbrechen und wird von den Protestlern an der Polytechnischen Universität in Brand gesteckt.

          Krise in Hongkong : Unter Belagerung

          Hunderte Hongkonger Aktivisten harren auf dem Campus der Polytechnischen Universität aus. Die Polizei hat das Gelände umstellt – und droht mit dem Einsatz scharfer Munition.

          DFB-Team vor EM 2020 : Der Zauber lässt sich nicht zurückholen

          Vor der EM 2020 sollen bei der DFB-Elf die Kräfte von 2010 reanimiert werden. Die Analogie liegt auf der Hand. Wie damals wurde die Auswahl verjüngt, Hierarchien wurden aufgebrochen. Doch so leicht ist das nicht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.