https://www.faz.net/-gqz-7jo4u

BSI-Präsident Michael Hange im Gespräch : „Wir müssen von einer massiven Bedrohung der Wirtschaft ausgehen“

  • Aktualisiert am

Bei den kritischen Infrastrukturen von Flughäfen und Kraftwerken hat sich die Industrie bislang zurückhaltend verhalten. Der Preis für Sicherheit ist offenbar sehr hoch.

In der letzten Legislaturperiode ist ein IT-Sicherheitsgesetz in Vorbereitung gewesen, das vor der Bundestagswahl nicht mehr in das Parlament eingebracht werden konnte. Einige Wirtschaftsverbände hatten Bedenken beim Thema Meldepflicht. Wir haben im Augenblick eine Situation, in der sehr viele Angriffe stattfinden, wir aber nur von wenigen erfahren.

Welche Zahlen können Sie nennen?

Pro Tag werden rund 40.000 neue Schadprogramme entwickelt. Auf den Regierungsinformationsverbund gibt es täglich 2000 bis 3000 Angriffe normaler Qualität. Zudem finden täglich etwa zehn Angriffe mit Sabotagecharakter statt. Die Herausforderung ist, in der Masse der Angriffe die zu erkennen, welche qualitativ hochwertig sind.

Ist der Fall Snowden Vorbote einer nächsten Eskalationsstufe in der digitalen Aufrüstung?

Die Qualität von Cyberangriffen, der Sabotage und Spionage, hat zugenommen. Das erfordert mehr Anstrengungen in der Abwehr. Mit zunehmender Abhängigkeit von IT werden höhere Aufwendungen für den Schutz einhergehen. Die Veröffentlichungen durch Snowden haben das Bewusstsein geschärft.

Das Versprechen von Vernetzung und Big Data, die Welt besser und sicherer zu machen, ist bislang kaum erfüllt. Interessant ist aber, dass die Systeme, etwa die Pre-Crime Analytik, selbst nicht scheitern – im Gegenteil. Fehlprognosen oder Fehlalarme werden eher als Anlass gesehen, die Programme auszubauen.

Es ist in der Tat so, dass die Pre-Crime Analytik in Amerika sehr stark auf Big Data setzt. Die Verknüpfung mathematischer Algorithmik mit sozialwissenschaftlich-empirischen Methoden in großen Datenmengen soll bessere Erkenntnisse, beispielsweise bezüglich Verhaltensfaktoren erbringen. Das Attentat beim Boston-Marathon wurde von einigen amerikanischen Experten als Aufforderung verstanden, die Datenmengen zu erhöhen und die Analysemethoden zu verbessern. Letztendlich ist es die Herausforderung an Politik und Gesellschaft, die Frage zu beantworten, was wir wollen und was wir zulassen.

Ein Wesensmerkmal überwachter Gesellschaften ist Misstrauen. Diese Erkenntnis findet sich in der Literatur schon ganz früh, als die ersten Computer mit spieltheoretischen Algorithmen anfingen, Spiele zu spielen. Wie schafft man wieder Vertrauen?

Die Diskussion ist im Lichte der Veröffentlichungen sehr grundsätzlich: Wie stark kann man Herstellern und Anbietern vertrauen? Wie gehen Staaten und Geheimdienste miteinander um? Wie sehr sind Unternehmen staatlichen Interessen verpflichtet? Eine Vertrauen schaffende Maßnahme wären transparente Prozesse bei der Erarbeitung von Sicherheitsstandards. In der IT-Sicherheit werden bestimmte IT-Hersteller, Diensteanbieter und Behörden als Vertrauensanker gebraucht – beispielsweise zum Herstellen von Kryptoprodukten oder als Zertifizierungsstellen. Das BSI versteht sich nicht nur als kompetente Stelle für IT-Sicherheit, sondern auch als Institution, der Vertrauen entgegengebracht werden muss.

Als kleines, unbeugsames Dorf in einer Welt transnationaler Überwachungstechnologien?

Weitere Themen

Drei deutsche Kurstädte ausgezeichnet Video-Seite öffnen

Unesco-Welterbe : Drei deutsche Kurstädte ausgezeichnet

Die deutschen Kurstädte Baden-Baden, Bad Ems und Bad Kissingen sind in die Liste des Unesco-Welterbes aufgenommen worden – neben Kurstädten in weiteren Ländern Europas. Auch die Künstlerkolonie Mathildenhöhe in Darmstadt schaffte es neu auf die Liste.

Der Weg in die Zombie-Wirtschaft

Corona-Förderung : Der Weg in die Zombie-Wirtschaft

Die Bundesregierung will die Corona-Hilfen verlängern. Doch nicht alle Geschäftsmodelle haben eine Zukunft. Ökonomen warnen: Die Hilfe könnte mehr schaden als nutzen.

Topmeldungen

Markus Söder und sein Vize Hubert Aiwanger nach einer Kabinettssitzung im Münchner Hofgarten.

Streit um Impfungen : Aiwanger wirft Söder Falschbehauptung vor

Nach der letzten Kabinettssitzung vor der Sommerpause hatten sie noch versucht, Einigkeit zu demonstrieren. Doch der Streit zwischen dem bayrischen Ministerpräsidenten und seinem Vize ist nicht vorbei – im Gegenteil.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.