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Brunos Schatten : Zu Gast bei Häschern

Anhaltender Bärenprotest in Schliersee Bild: picture-alliance/ dpa

Während der Fußball-Weltmeisterschaft wurden nicht alle Besucher mit Fairneß und Gastfreundschaft behandelt. Die Situation in der Bruno-Abschußgemeinde droht jetzt zu eskalieren. Braucht Schliersee bald Blauhelme? Eine Ortsbegehung.

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          Er war die Speerspitze der Bärenbewegung. Ein Eroberer, unbedarft und wagemutig. Ein anderer hätte sich nicht so nah an den Siedlungsbrei herangewagt, der heute den Alpenraum zu ersticken droht. Ein Zauderer wäre nicht bis ins Schlierachtal gekommen - mitten hinein ins Herz des Oberlandes, jenem Holz vor der Hüttn, das dem Großraum München seine Postkartenhügel entgegenstreckt. Hier ist offiziell der schönste Teil Bayerns, Rückzugsgebiet geländegängiger Millionäre, diskreter Devisenbeschaffer, politischer Ruheständler und neureicher Zahnärzte. Und ausgerechnet hier mußte der Schießbefehl des bayerischen Umweltministers umgesetzt werden?

          Hannes Hintermeier

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Seit ein dreiköpfiges „Sicherheitsteam“ im Morgengrauen des 26. Juni den Bären JJ1 aus der Natur entfernte, wie sich der zuständige Staatssekretär Otmar Bernhard (CSU) vorab auszudrücken beliebte, ist Schliersee zur „Bärenmördergemeinde“ abgestiegen. Das ist ungerecht. Geographisch gesehen ist Bruno nämlich auf dem Gebiet der Nachbargemeinde verblichen; nur war der Bürgermeister von Bayrischzell so schlau, dort eine Pressekonferenz abzulehnen. So fand sie in Schliersee statt, allerdings wußte die Stadtspitze nichts davon. Eine doppelte Düpierung, schon im Landratsamt, als die Umsetzung des Abschußbefehls besprochen wurde, war die Gemeinde nicht beteiligt. Das erklärt, warum der Schlierseer Bürgermeister Toni Scherer (Freie Wähler) nicht gut auf die Obrigkeit in München zu sprechen ist. Das Ende Brunos ging um die Welt, und nun soll er, seit siebzehn Jahren Bürgermeister des 6.500-Seelen-Luftkurortes, als Buhmann an der Spitze eines Tätervölkchens stehen?

          Stornierungen, Drohungen, Beschwerdemails

          Toni Scherer ist fassungslos. Der sehnige Mann mit dem markant gefurchten Gesicht kann es einfach nicht glauben, „was da auf uns einrasselt“. Er hätte keine Finnen mit Bärenhunden engagiert, sondern „in Italien angerufen“, daß sie ihren Bären wieder abholen sollen - so wie man das mit einem Nachbarn macht, dessen Hund im eigenen Garten die Kinder bedroht. Scherer kommt aus dem Kopfschütteln nicht heraus, wie er da in seinem holzvertäfelten Amtszimmer sitzt und sich durch einen Stapel von mehr als siebenhundert E-Mails und noch mal so vielen Beschwerdebriefen blättert. Zu Gast bei Mördern und denen, die sie deckten, wolle man nicht länger sein, man schäme sich für Deutschland, eine solche Region werde man künftig meiden, die Vorstellung, Bärenmörder verdienten auch nur einen Cent durch Fremdenverkehr, sei unerträglich - so und ähnlich lauten die Vorwürfe.

          Brunos letzte Fahrt

          Bislang sind sechzig Stornierungen eingegangen, darunter größere Reisegruppen und langjährige Stammgäste, die die bayerische Doppelmoral beklagen. Die Zuschriften sind harmlos im Vergleich zu den (Mord-)Drohungen, die der Jagdverband zu Tausenden bekommt, aber ernst muß man sie nehmen. Eine halbe Million Übernachtungen verzeichnet Schliersee jedes Jahr, mehr als sechzig gastronomische Betriebe warten auf Kundschaft. Matthias Schrön, Leiter der Gäste-Information, will jeden einzelnen Briefschreiber anrufen. Seine Lieblingsvokabel „bärig“, die im Bairischen soviel wie großartig bedeutet, wird er sich erst einmal verkneifen müssen.

          „Bloß nichts zugeben“

          Habemus ursum: Niemand habe die Oberlandgemeinden darauf vorbereitet, daß demnächst wilde Bären zuwandern könnten, sagt Scherer. Als Bruno kam, erklang im sicheren München der Jubelruf: Willkommen in Bayern! Um so mehr „stinkt's mir, weil die Leute uns nicht glauben, daß Schliersee nichts damit zu tun hat“, klagt der Bürgermeister. Eine Wiedergutmachung fordert er von Umweltminister Werner Schnappauf (CSU). Er solle den Ort „aus der Schußlinie nehmen“. Scherer sagt, er kenne den Minister gut, sei mit ihm per du, aber die Aktion sei „voll daneben“. Schnappauf hat nach christsozialer Gutsherrenart eine Informationssperre verhängt, getreu der hier praktizierten Technik: „Bloß nichts zugeben.“ Schützenhilfe erhält der Nichtjäger Scherer von Manfred Burger, dem Vorsitzenden des Bund Naturschutz in Miesbach; der eigentlich zuständige Kollege aus dem Schlierachtal will sich nicht äußern. Als verbeamteter Förster müsse er „sehr vorsichtig sein“, was er sage. Burger beharrt auf Begründung des Abschußbefehls: „Schnappauf befiehl, wir folgen? Es ist erschreckend, daß nicht einmal der Versuch der Betäubung unternommen wurde.“

          1835 wurde der vorletzte Bär in Bayern erschossen. Im Winter 1901 kam der erste Skifahrer nach Bayrischzell. 2006 wurde der vorläufig letzte Bär in Bayern erschossen. Um den letzten Skifahrer wird bei den tendenziell immer schneeärmeren Wintern auf Verlustbasis gekämpft. Der berühmteste lebende Schlierseer ist der ehemalige Skirennläufer Markus Wasmeier, der zweitberühmteste der Satiriker Gerhard Polt. Der berühmteste Tote ist Bruno. Vor ein paar Tagen sind an der Abschußstelle zwei Holzkreuze, ein Teddybär und Blumen aufgestellt worden. An einem der Kreuze hängt eine Christusfigur: die Kümpfl-Alm als Schädelstätte, Perversion der Tierliebe. Wahrscheinlich wird die Abschußstelle zur Touristenattraktion, schon wird das Fell des Bären zerlegt: Italien fordert es, München und Bayrischzell ebenso. Toni Scherer will es im neuen Bauernmuseum unterbringen. Lebend war Bruno nicht so begehrt.

          Beute für einen Großkopferten?

          Wer den tödlichen Schuß abgegeben hat, diese Frage wird durch Gerüchte - aber bitte wirklich nur Gerüchte! - aufgeheizt. Man redet ja nicht, man sagt ja bloß. Wie die Fußballer nach dem Foul ihre Unschuldshandflächen zeigen. War vielleicht der zugereiste, aber mächtige Sparkassenvorstand dabei oder der frühere Landrat und Strauß-Intimus oder der oberste Jäger, der im Hauptberuf Polizist ist? War's am Ende alles so arrangiert, damit ein Großkopferter abdrücken konnte? Wäre so unüblich nicht in diesen Breitengraden, wann kriegt man schon einen Bären vor die Flinte? Kleine Demutsgesten erhalten das männerbündische Geflecht. Freilich: Die Sennerin Doris von der Kümpfl-Alm kennt die drei Jäger, aber sie hält dicht. Oder hat dichtgehalten. Denn die ersten wollen die Namen schon erfahren haben. Lange wird die Omerta nicht währen. Potentielle Bärenerleger gibt es in der Gegend zum Saufuttern - mehr als genug.

          Bruno kam zur Unzeit. Gerade ist Schliersee dabei, sich neu zu sortieren. Stein des Anstoßes war für mehr als eine Dekade die Zukunft des Kurhauses. Der holzverschindelte Bau ist ein Schandfleck direkt an der Seepromenade, keine dreißig Jahre hat er gehalten. Jetzt rottet er als Schlierseer Palast der Republik prominent vor sich hin. Von August an soll an gleicher Stelle ein neues Haus gebaut werden. Gleich zwei Bürgerentscheide brauchte dieser Prozeß, und zwar sinnigerweise, um es der mehrheitlich von Freien Wählern regierten Kommune zu ermöglichen, den Wählerwillen - für den Neubau - umzusetzen. Um diesen zu blockieren, hat sich die CSU sogar mit der SPD verbündet. Großes Polittheater auf kleiner Bühne. Zukunftsfragen drängen: Weiterer Ausbau des Tourismus? Die Spitzingseelifte sind gerade mit Hilfe einer Auffanggesellschaft gerettet worden. Ansiedlung von Industrie? Noch ein Gewerbegebiet mehr wünscht sich niemand. Eine Schlafgemeinde von München werden? Die private Bayerische Oberlandbahn verbindet den Ort in fünfzig Minuten mit dem Hauptbahnhof. Möglich ist vieles, aber erst muß diese komplizierte Bärensache vom Tisch.

          Bald Blauhelme in Schliersee?

          Es führt eine Linie von der Rotwand ins Umweltministerium. Werner Schnappauf hat eine Miesbacher Vergangenheit. 1985 war er im Landratsamt als Jurist tätig, wenige Jahre später zog es ihn zurück in seine fränkische Heimat, wo die Karriere winkte. Die Verbindung ins Oberland, sagen die Einheimischen, sei nie abgerissen. Daß er sie jetzt so vorführt, verzeihen sie ihm nicht. Gerhard Polt, im Ortsteil Neuhaus ansässig und unverdächtig, sich vor einer Auseinandersetzung zu drücken, wird nachdenklich, wenn es um seine zerstrittene Heimat geht. „Man hat schon gesagt, daß wir bald Blauhelme brauchen.“ Noch sei Bayern eine Demokratie, und in einer solchen, sagt Polt mit Blick auf Schnappauf, „muß es doch möglich sein, daß so ein Mensch gezwungen wird, daß er seine Entscheidung begründet“. Die Vorstellung, die Regierung käme mit Aussitzen durch, mobilisiert Widerstand. Der könnte nicht reichen, fürchtet Polt. Die Bärenfrage berührt wunde Punkte im Heile-Welt-Freistaat, zum Beispiel den Flächenfraß im Alpenraum, aber der sei den meisten Menschen gleichgültig, ahnt Polt: „Die haben einfach nicht das Gefühl, daß sie wie eine Milbe eingequetscht werden.“

          „Vergiß das Böse, das man dir tat, bewahre im Herzen die Taten der Liebe.“ Ein Shakespeare-Zitat hängt gerahmt in Toni Scherers Amtszimmer, so, daß er es vom Schreibtisch aus gut sehen kann. Davon wird der Bär auch nicht mehr lebendig. Aber der nächste ursus arctus kommt bestimmt. Die Chancen, daß demnächst ein Bruder im Geiste Brunos auf der Kümpfl-Alm eine Brotzeit sucht, stehen nicht schlecht.

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