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Brunos Schatten : Zu Gast bei Häschern

1835 wurde der vorletzte Bär in Bayern erschossen. Im Winter 1901 kam der erste Skifahrer nach Bayrischzell. 2006 wurde der vorläufig letzte Bär in Bayern erschossen. Um den letzten Skifahrer wird bei den tendenziell immer schneeärmeren Wintern auf Verlustbasis gekämpft. Der berühmteste lebende Schlierseer ist der ehemalige Skirennläufer Markus Wasmeier, der zweitberühmteste der Satiriker Gerhard Polt. Der berühmteste Tote ist Bruno. Vor ein paar Tagen sind an der Abschußstelle zwei Holzkreuze, ein Teddybär und Blumen aufgestellt worden. An einem der Kreuze hängt eine Christusfigur: die Kümpfl-Alm als Schädelstätte, Perversion der Tierliebe. Wahrscheinlich wird die Abschußstelle zur Touristenattraktion, schon wird das Fell des Bären zerlegt: Italien fordert es, München und Bayrischzell ebenso. Toni Scherer will es im neuen Bauernmuseum unterbringen. Lebend war Bruno nicht so begehrt.

Beute für einen Großkopferten?

Wer den tödlichen Schuß abgegeben hat, diese Frage wird durch Gerüchte - aber bitte wirklich nur Gerüchte! - aufgeheizt. Man redet ja nicht, man sagt ja bloß. Wie die Fußballer nach dem Foul ihre Unschuldshandflächen zeigen. War vielleicht der zugereiste, aber mächtige Sparkassenvorstand dabei oder der frühere Landrat und Strauß-Intimus oder der oberste Jäger, der im Hauptberuf Polizist ist? War's am Ende alles so arrangiert, damit ein Großkopferter abdrücken konnte? Wäre so unüblich nicht in diesen Breitengraden, wann kriegt man schon einen Bären vor die Flinte? Kleine Demutsgesten erhalten das männerbündische Geflecht. Freilich: Die Sennerin Doris von der Kümpfl-Alm kennt die drei Jäger, aber sie hält dicht. Oder hat dichtgehalten. Denn die ersten wollen die Namen schon erfahren haben. Lange wird die Omerta nicht währen. Potentielle Bärenerleger gibt es in der Gegend zum Saufuttern - mehr als genug.

Bruno kam zur Unzeit. Gerade ist Schliersee dabei, sich neu zu sortieren. Stein des Anstoßes war für mehr als eine Dekade die Zukunft des Kurhauses. Der holzverschindelte Bau ist ein Schandfleck direkt an der Seepromenade, keine dreißig Jahre hat er gehalten. Jetzt rottet er als Schlierseer Palast der Republik prominent vor sich hin. Von August an soll an gleicher Stelle ein neues Haus gebaut werden. Gleich zwei Bürgerentscheide brauchte dieser Prozeß, und zwar sinnigerweise, um es der mehrheitlich von Freien Wählern regierten Kommune zu ermöglichen, den Wählerwillen - für den Neubau - umzusetzen. Um diesen zu blockieren, hat sich die CSU sogar mit der SPD verbündet. Großes Polittheater auf kleiner Bühne. Zukunftsfragen drängen: Weiterer Ausbau des Tourismus? Die Spitzingseelifte sind gerade mit Hilfe einer Auffanggesellschaft gerettet worden. Ansiedlung von Industrie? Noch ein Gewerbegebiet mehr wünscht sich niemand. Eine Schlafgemeinde von München werden? Die private Bayerische Oberlandbahn verbindet den Ort in fünfzig Minuten mit dem Hauptbahnhof. Möglich ist vieles, aber erst muß diese komplizierte Bärensache vom Tisch.

Bald Blauhelme in Schliersee?

Es führt eine Linie von der Rotwand ins Umweltministerium. Werner Schnappauf hat eine Miesbacher Vergangenheit. 1985 war er im Landratsamt als Jurist tätig, wenige Jahre später zog es ihn zurück in seine fränkische Heimat, wo die Karriere winkte. Die Verbindung ins Oberland, sagen die Einheimischen, sei nie abgerissen. Daß er sie jetzt so vorführt, verzeihen sie ihm nicht. Gerhard Polt, im Ortsteil Neuhaus ansässig und unverdächtig, sich vor einer Auseinandersetzung zu drücken, wird nachdenklich, wenn es um seine zerstrittene Heimat geht. „Man hat schon gesagt, daß wir bald Blauhelme brauchen.“ Noch sei Bayern eine Demokratie, und in einer solchen, sagt Polt mit Blick auf Schnappauf, „muß es doch möglich sein, daß so ein Mensch gezwungen wird, daß er seine Entscheidung begründet“. Die Vorstellung, die Regierung käme mit Aussitzen durch, mobilisiert Widerstand. Der könnte nicht reichen, fürchtet Polt. Die Bärenfrage berührt wunde Punkte im Heile-Welt-Freistaat, zum Beispiel den Flächenfraß im Alpenraum, aber der sei den meisten Menschen gleichgültig, ahnt Polt: „Die haben einfach nicht das Gefühl, daß sie wie eine Milbe eingequetscht werden.“

„Vergiß das Böse, das man dir tat, bewahre im Herzen die Taten der Liebe.“ Ein Shakespeare-Zitat hängt gerahmt in Toni Scherers Amtszimmer, so, daß er es vom Schreibtisch aus gut sehen kann. Davon wird der Bär auch nicht mehr lebendig. Aber der nächste ursus arctus kommt bestimmt. Die Chancen, daß demnächst ein Bruder im Geiste Brunos auf der Kümpfl-Alm eine Brotzeit sucht, stehen nicht schlecht.

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