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Zum Tod von Bruno Ganz : Die Welt läuft falsch

Bruno Ganz im Jahr 2010 beim Filmfestival im baskischen San Sebastian Bild: AFP

Bruno Ganz ist gestorben, mit 77 Jahren, zu Hause in Zürich. Zum Schauspielen benötigte der größte deutschsprachige Mime seiner Generation kaum etwas anderes als sein Gesicht, seinen Blick und seine Stimme.

          Seit Mitte der sechziger Jahre schon war Bruno Ganz berühmt, als zentraler männlicher Darsteller an der Berliner Schaubühne. Seinen Tasso, seinen Prinzen von Homburg, seinen Schalimow aus den „Sommergästen“, alles unter der Regie von Peter Stein, kannten wir nur von den filmischen Aufzeichnungen, aber auch so war das Gesicht des oft wie konzentriert neben sich stehenden, hochgenau neben sich sprechenden Ganz’ ein Ereignis. Umso mehr auf der Bühne.

          Wer ihn 1986 als den gefesselten Prometheus des Aischylos, inszeniert von Klaus Michael Grüber, gesehen hat, wird nie vergessen, wie hier der größte Schmerz, mit dem die Götter den Menschenfreund bestraften, auf Distanz gebracht wurde. Durch Entschleunigung des Affekts, verlangsamtes unpathetisches Sprechen, durch Transformation einer Empörung in die nur physisch unterliegende Überlegenheit dessen, der sich im Besitz von Geist weiß, eines gewissermaßen vorintellektuellen Geistes, der alle auftrumpfenden Gesten, alle Pointen, alle Rechthaberei überdauern wird. Ganz spielte tatsächlich aus einer Zwischenwelt zwischen Göttern und Sterblichen heraus, dem Eingebildetsein beider enthoben.

          Im Kino, zu dessen Virtuosen Ganz bald gehörte, spielte er nicht selten schmerzlich um Genauigkeit bemühte Figuren: einen Diamantenhändler etwa (bei Ridley Scott), einen Schachgroßmeister (bei Wolfgang Petersen) – beides Filme, die man nur noch seinetwegen aufrufen mag –, einen Bilderrahmer (bei Wim Wenders). All dies sind einsam arbeitende Leute, die mittels vorsichtiger Bewegungen zu festen Urteilen kommen. „There is too much on my mind“ waren die ersten Worte, die er in dem Meisterwerk Wim Wenders „Der amerikanische Freund“ 1977 als Ohrwurm mehr summte als sprach oder sang, eine Zeile der „Kinks“. So spielte Bruno Ganz stets oder jedenfalls vorzugsweise: als habe er zu viel im Sinn, werde zu vieles nicht los, um es ganz ausdrücken zu können oder pathetisch ausdrücken zu wollen.

          Bruno Ganz mit Dennis Hopper in „Der amerikanische Freund“ von 1977

          Ein Text, den Bruno Ganz hatte, konnte darum noch so schlicht, entschieden oder gar banal sein, sein schweizerisch eingefärbter Tonfall gab ihm stets – lassen wir den Film „Der Untergang“ beiseite – ein Moment des Zögerns und einer mentalen Reserve mit, die im Gesicht des Schauspielers körperlich wurde. „Als das Kind Kind war“, hieß es in Peter Handkes und Wim Wenders’ „Der Himmel über Berlin“ von 1987, in dem Ganz einen reflektierten Engel spielt, machte es „kein Gesicht beim Fotografieren“. Bruno Ganz vermochte das Paradox, einen Erwachsenen zu zeigen, der beim Fotografiertwerden kein Gesicht machte und zum Schauspielen kaum etwas anderes benötigte als sein Gesicht, seinen Blick und seine Stimme.

          Die Liste der Regisseure, die sich dieser Qualität versicherten, ist so lang wie die Reihe der Preise, mit dem man ihn dafür bedachte, und reicht von Eric Rohmer über Francis Ford Coppola bis zu Jonathan Demme und Alain Tanner. In dessen „In der weißen Stadt“ von 1983 schaut Ganz als Schiffsmechaniker auf Landgang am Tresen einer Lissabonner Kneipe erst aufmerksam, dann irritiert, dann grinsend auf eine Uhr, die rückwärts läuft. „Aber nein“, berichtigt ihn die Barfrau, die kurz darauf seine Geliebte werden wird, auf Französisch, „elle marche juste“, die Uhr läuft richtig, „die Welt läuft falsch“. Jetzt ist sie wieder einmal falsch herum gelaufen, und wir haben nur noch Aufzeichnungen und Erinnerungen an diesen freundlichen, schmerzlich nachdenklichen, anmutigen Künstler.

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