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Britischer Streitfall : Brexit und Proms

Deutsche Flaggen als neutralisierendes Element Bild: AFP

Flaggenstreit bei den britischen „Last Night of the Proms“: Die auftrumpfenden Brexiteers sollten am Ende der achtwöchigen legendären Konzertreihe mit Europafahnen erstickt werden. Das gelang aber nicht.

          Es gehört zur Theatralik der „Last Night of the Proms“, dass das Publikum beim wehmutsvollen Cello-Solo der alljährlich gespielten „Phantasie über britische Seemannslieder“ Taschentücher hervorzieht, um seine Krokodilstränen abzutupfen. Aus dem Brauch spricht mehr als eine Andeutung von Selbstironie. Obgleich das beherzte Schwenken des Union Jack nicht ganz frei ist von postimperialer Sehnsucht nach der Zeit, als Großbritannien die Meere beherrschte, wird das Finale des größten Musikfestspiels der Welt weniger von patriotischem Eifer getragen als von heiterer Silvesterstimmung, weshalb auch Vertreter so vieler anderer Völker sich am Spaß beteiligen.

          Über die traditionelle Gaudi zum Abschluss der achtwöchigen Konzertreihe gehen die Meinungen allerdings auseinander. Was die einen als stolze Zurschaustellung von britishness empfinden, mutet anderen als peinliches nationalistisches Getue an. John Drummond, der von 1985 bis 1995 die Proms verantwortete, gestand, sein Vergnügen an der „Last Night“ sei in Abscheu umgeschlagen. Solche Äußerungen werden von Anhängern als Hochmut linksliberaler Intellektueller empfunden. Diesmal hat die Brexit-Abstimmung dem Für und Wider zusätzliche Schärfe verliehen.

          Der verkleidete Tenor

          Eine Gruppe von Proeuropäern, die fürchteten, die „Last Night“ könnte als Jubel des Triumphs klein-englischen Geistes gedeutet werden, finanzierte durch Spenden den Erwerb europäischer Fahnen, die als Gegengewicht zum Union Jack im Publikum verteilt wurden. Sie sollten Fernsehzuschauern in aller Welt demonstrieren, „wie Musikliebhaber die EU wertschätzen“. Empört über den „kläglichen Versuch“, diese „Bastion der britischen Kultur und Identität“ zu kapern, stiftete ein Geldgeber der Brexit-Kampagne seinerseits 10000 Pfund für eine Ladung Union Jacks.

          Der konservative Abgeordnete Bill Cash, der seit Jahrzehnten gegen den europäischen Superstaat wettert, forderte gar, die BBC müsse klarstellen, dass die Proms britishness zelebrierten. Der Streit ist symptomatisch für die heftigen Affekte, die das Abstimmungsergebnis weckt.

          Bei einem BBC-Empfang in der Royal Albert Hall kam es am Vorabend der „Last Night“ zu einem Eklat, wie man ihn dieser Tage oft erlebt: Eine Brexit-Gegnerin hatte einen Gast zur Hölle gewünscht, weil der für den Austritt aus Europa gestimmt hatte. Dieser fühlte sich zu einer derart unsäglichen Schimpftirade provoziert, dass man ihn rauswerfen wollte. Aus der Überreaktion der Brexit-Befürworter auf europäische Solidaritätsbekundungen spricht der Frust über die Weigerung der Unterlegenen, die Mehrheitsentscheidung zu akzeptieren. Umso erfreulicher war, wie der peruanische Tenor Juan Diego Floréz die Britishness-Blase zum Platzen brachte: Er verkleidete sich für die Britannia-Arie als Inka-König. Der sichtlich vergnügte finnische Dirigent Sakari Oramo nutzte den Anlass, um hervorzuheben: Die Sprache der Musik ist universell.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

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