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Britische Serie „Whitechapel“ : Das Zwillingsgesicht der Londoner Mafia

Die eineiigen Verbrecher Brüder Jimmy und Johnny Kray Bild: © Carnival Film & Television 20

Wenn Schwerverbrecher wiederauferstehen: Die famose britische Serie „Whitechapel“ lockt mit einer Zeitreise ins Londoner East End und erweckt Englands legendärste Kriminelle zum Leben.

          3 Min.

          Glückliches Britannien. Eine Krimi-Tradition zum Niederknien. Und seit einigen Jahren ein spielerisch leichter, ästhetisch innovativer und klug aktualisierender Umgang sowohl mit den genialen Detektiven als auch den großen Verbrechern einer glorreich finsteren Vergangenheit. Das Ganze zudem im Fernsehen und in Serie. Zweifellos das Glanzstück in diesem höchst originellen Crime-Recycling ist der BBC-Großerfolg „Sherlock“ mit Benedict Cumberbatch in der Rolle des im Web-2.0-Zeitalter wiedererstandenen Conan-Doyle-Heros Holmes.

          Jochen Hieber

          Freier Autor im Feuilleton.

          Die ITV-Serie „Whitechapel“ muss sich dahinter jedoch keineswegs verstecken. Für deren zweite Staffel schickt uns der Kultursender Arte heute knapp zweieinhalb Stunden am Stück ins Londoner East End, vor gar nicht allzu langer Zeit noch der verruchteste Flecken im englischen Sozialgefüge, inzwischen und zumindest teilweise eine Gegend an der Spitze des Trends. In Form höchst gegenwärtiger Wiedergänger reaktiviert „Whitechapel“ legendäre Schwerstkriminelle - und mit ihnen die Muster ihrer einstigen Schreckenstaten. Was auf den ersten Blick künstlich und konstruiert erscheinen mag, funktioniert in der Serienwirklichkeit verblüffend gut.

          Ende 2009 gab es hierzulande die erste Staffel, deren Untertitel gleich das Programm verkündete: „Jack the Ripper ist nicht zu fassen.“ Vom Ende des neunzehnten in den Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts sprang die Handlung. Wie sein Vorbild arbeitete sich auch der Nachahmer des Ripper mit allerdings avanciertesten Mitteln an der „Liste der kanonischen fünf“ ab, also an jener Handvoll barbarischer Prostituiertenmorde, die man dem Original bei allen sonstigen Ungewissheiten eindeutig nachweisen zu können glaubt.

          Das Syndikat der Brüder Kray

          In den neuen Folgen ist der zeitliche Abstand entschieden geringer. Noch einmal heraufbeschworen wird „Das Syndikat der Brüder Kray“. Bezeichnet sind damit die am 24.Oktober 1933 als eineiige Zwillinge geborenen Ronnie und Reggie Kray, die der Londoner Verbrecherszene in den endfünfziger und sechziger Jahren einen Modernisierungsschub sondergleichen verpassten, indem sie amerikanische Mafiastrukturen importierten und bei ihren öffentlichen Auftritten jene Popstar-Allüren an den Tag legten, die das damalige Showgeschäft selbst gerade erst erfunden hatte. 1969 wurden beide in Old Bailey zu lebenslanger Haft verurteilt. Ronnie, bei dem man paranoide Schizophrenie diagnostizierte, starb 1995 in einer Klinik, Reggie fünf Jahre später an Krebs, nachdem man ihn kurz zuvor aus dem Gefängnis entlassen hatte.

          Es dauert eine ganze, überaus lohnende Weile, bis die Whitechapel-Außenstelle von Scotland Yard nach der forensischen Analyse einer aus der Themse gefischten Wasserleiche - Reminiszenz an Hitchcocks „Frenzy“ - auf das Muster der ein halbes Jahrhundert zurückliegenden Kray-Morde stößt. Aber selbst dann kommt das inzwischen bereits bewährte Kerntrio aus dem migränegeplagten Inspector Chandler (Rupert Penry-Jones), dem bisweilen von Panikattacken geschüttelten Sergeant Miles (Philip Davis) und dem schwulen Edward Buchan (Steve Pemberton), einem Hobbyhistoriker des East-End-Horrors, mit den Ermittlungen nicht vom Fleck. Im Gegenteil, die von der Zentrale gründlich in Stich gelassene Abteilung wird ihrerseits das Ziel brutaler Nachstellungen und hat alle Hände voll zu tun, um überhaupt existent zu bleiben.

          Ja, und dann tauchen sie tatsächlich auf, die neuen eineiigen Krays. Mit Vornamen heißen sie jetzt Jimmy und Johnny. Und wieder denkt man, dass so viel konstruierter Zufall nie gutgehen kann. Geht dann aber bestens. Natürlich liegt das an dem Schauspieler Craig Parkinson, der seine Doppelrolle fabelhaft in Szene setzt, in den Drehbuchautoren Ben Court und Caroline Ip aber auch ausgezeichnete Dialoglieferanten besitzt und deshalb die Zwillinge mit brutalen Sprüchen ebenso auszustatten vermag wie mit schwärzestem Humor und hochkomischer, aber für die davon Betroffenen auch hochgefährlicher Dummschwätzerei.

          Wichtig für die Lösung des komplexen, aber nie verwirrenden Falls werden die Holzmodelle eines verstorbenen Schuhmachers, die als Museumsstücke das Hinterzimmer eines sinistren Pubs zieren. Wichtig für das kollegiale Binnenklima zwischen dem Upper-Class-Chef Chandler und seinem Sergeanten aus der unteren Mittelklasse wird die Gretchenfrage nach der richtigen Whiskymarke - Miles beweist dabei eindeutig die bessere Kenntnis und den vornehmeren Geschmack. Wichtig für den großartigen Gesamteindruck von „Whitechapel“ aber sind nicht zuletzt die wohlüberlegt auch mit Mehrfachbelichtungen, Zeitlupen und artistischen Bildverzerrungen arbeitenden East-End-Panoramen der Kamerafrau Anna Valdez Hanks. David Evans führt in der zweiten Staffel Regie. Ihn zu rühmen fällt nicht schwer.

          Whitechapel - Das Syndikat der Brüder Kray läuft am Donnerstag, den 15.03.2012, von 21 Uhr an bei Arte.

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