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Britische Befindlichkeiten : Die Insel unseres Missvergnügens

Pomp & Circumstance: Nicht auszudenken, wenn hier nur noch in europäisch-olivgrün marschiert würde! Bild: AP

Eben weil wir Engländer sind, treten wir für unser Recht ein, keine Europäer zu sein: Den Briten waren beim EU-Referendum nationale Mythen wichtiger als die Vernunft, die sie vor einer Isolation bewahrt hätte.

          In dem 1948 gedrehten Film „Passport to Pimlico“, („Blockade in London“), einer der drolligen Schwarz-Weiß-Komödie der Ealing Studios, die britische Eigenarten liebevoll auf die Schippe nimmt, entdeckt der Londoner Stadtteil Pimlico durch einen Zufall, dass er eigentlich zu Burgund gehört. Der tristen Nachkriegszustände überdrüssig, ergreifen die Bewohner ihre Chance, sich von den englischen Gesetzen und bürokratischen Verordnungen, insbesondere der Rationierung und der Kneipensperrstunde, zu befreien.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Für eine kurze Zeit gedeiht der Bezirk ohne die Beschränkungen dieser Zeit des Mangels, bis das Chaos einbricht. Dennoch ist die Unabhängigkeit den Bewohnern von Pimlico teurer als die Ordnung. Die Regierung in Whitehall errichtet eine Blockade, um die Aufsässigen in die Knie zu zwingen. Je mehr sie sich gemaßregelt fühlen, desto sturer geben sich die Belagerten. Der Warnung der hohen Beamten, dass sich die Bürger von Pimlico in die Isolation trieben, entgegnen diese mit der trotzigen Standhaftigkeit, derer sie sich im Kampf gegen Hitler gerühmt haben. Eine Frau protestiert, dass sie den Bombenhagel im Krieg nicht durchgestanden habe, um jetzt ihr Haus zu verlassen: „Wir sind immer Engländer gewesen, und wir werden immer Engländer sein; und gerade weil wir Engländer sind, treten wir für unser Recht ein, Burgunder zu sein.“

          „Passport to Pimlico“ ist eine Satire auf den Geist des kleinen Mannes, der sich der Obrigkeit widersetzt. Man hätte dem Film auch den Namen der späteren Komödie „Die Maus, die brüllte“ geben können, in dem das kleinste Land der Welt durch Handelseinschränkungen ruiniert wird. Es beschließt, den Vereinigten Staaten den Krieg zu erklären, aus dem Kalkül, dass es nach der sicheren Niederlage mit Hilfe von amerikanischen Wiederaufbaugeldern saniert worden könne.

          Der Hochmut der Nordlondoner Elite

          Am Donnerstag hat die Maus gebrüllt. Der Geist des Underdogs hat ein Machtwort gesprochen. Die Briten sind für ihr Recht eingetreten, Briten zu sein oder, besser gesagt: englisch. Denn es sind die englischen Stimmen, die den Bruch mit Europa erzwungen haben. David Cameron hat mit seinem Referendum nicht nur Britanniens Zugehörigkeit zu Europa aufs Spiel gesetzt, sondern auch die Einheit des Königreichs. Maria Tudor soll 1558 nach dem Verlust von Englands letzter Bastion auf dem europäischen Festland versichert haben, man werde bei ihrem Tod feststellen, dass das Wort „Calais“ auf ihrem Herzen graviert sei. David Cameron könnte als der Premierminister in die Geschichte eingehen, der neben dem Austritt aus Europa auch den Verlust Schottlands auf dem Gewissen hat. Mit Shakespeare kann man ihm nach seinem noblen Abgang am Freitagmorgen allenfalls zugute halten: „Nichts stand in seinem Leben ihm so gut, als wie er es verlassen hat.“

          UKIP-Parteichef Migel Farage beim Kaffee nach der Abstimmung: Sein nationaler Populismus stößt vielerorts auf fruchtbaren Boden.

          Ein ums andere Mal fiel in dieser langen Nacht der Satz, dass die Wähler dem Establishment der Banker, Politiker und Brüsseler Funktionäre einen Stoß geben wollten, jenem Establishment, von dem sich der einfache Mann auf der Straße missachtet und verspottet fühle. Dieses Sentiment wurde bereits vor zwei Jahren auf den Punkt gebracht bei der Nachwahl in dem von der post-industriellen Misere Nordenglands befallenen Rochdale. Dort signalisierten die vielen Fahnen mit dem roten Georgskreuz darauf, dass der populistische Nationalismus von Nigel Farages United Kingdom Independence Party auch in den ehemaligen Herzländern der Arbeiterpartei auf fruchtbaren Boden stieß. Eine Londoner Abgeordnete twitterte aus Rochdale das Bild eines typischen Reihenhauses des sozialen Wohnungsbaus, das mit der Georgsfahne geschmückt war. Vor dem Haus war ein weißer Ford Transit geparkt.

          Der kleine Lieferwagen ist geradezu emblematisch geworden für den Proletarier, der sich nichts sagen lässt. Das Bild war wie eine Hieroglyphe. Deswegen schrieb die Abgeordnete bloß: „Bild aus #Rochdale.“ Damit war alles gesagt. Ihr Tweet traf einen tiefen Nerv. Er wurde als Inbegriff des Hochmuts der Nordlondoner liberalen Elite empfunden, welche die Partei der Arbeiterschicht gekapert habe. Der durch die Bankenkrise und den parlamentarischen Spesenskandal geschürte Affekt gegen diese politische Elite – und die Eliten überhaupt –, der Ausdruck fand in dem Sturm der Empörung über den wortlosen Kommentar der Abgeordneten, hat jetzt in der Europa-Abstimmung den Ausschlag gegeben. Er hat zu einem Schritt geführt, der in den Augen einiger Kommentatoren so einschneidend ist wie die Loslösung von Rom durch Heinrich VIII., dessen Erklärung, dass England ein Reich für sich sein könne, als Vorläufer einer ganzen Folge von historischen Selbständigkeitsfloskeln wie „Splendid Isolation“ und „Very well, alone“ zu verstehen ist, die auch jetzt in der Brexit-Debatte beschworen werden.

          Auf dem Kontinent sind alle Telefonzellen sauber

          Es bedrückend, dass heute noch ein lautes Echo der pathetischen nationalistischen Rhetorik des verbissenen Anti-Europäers Enoch Powell zu vernehmen ist, der vor vierzig Jahren von dem Albtraum sprach, Teil des Kontinents zu sein. Damals glaubte er, dass Britannien aus diesem Albtraum erwache und entdecke, dass diese Insel zur weiteren Welt gehöre und sich den Ozeanen öffne.

          1975 wogen andere Gefühle die eingefleischten Europa-Vorbehalte von Shakespeares „segensvollem Fleck“ auf vor. Damals war die Nachkriegsgeneration noch beflügelt von dem Ideal eines internationalen Bündnisses, das für die wahren Werte der europäischen Zivilisation einstehen werde. Die Nation überwand ihr Inselgefühl, nicht zuletzt aufgrund der Malaise, die in der politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Schwäche des Landes wurzelte. Europa wurde als Rettungsanker wahrgenommen.

          Die Zeiten, in denen Europa als Rettungsanker gesehen wurde, sind vorbei: Wahllokal in Penhurst, Südlondon.

          Wie viel rosiger das Leben auf dem Festland zu sein schien als im tristen, von Streiks heimgesuchten Britannien, bezeugt ein Leserbrief im „Daily Mirror“, in dem ein Urlauber, der im Juni 1970 gerade aus Spanien zurückgekehrt war, berichtete, dass dort keine aggressiven Banden und kein Vandalismus anzutreffen gewesen seien, die Telefonzellen seien sauber gewesen und hätten alle funktioniert; es sei auch kaum notwendig gewesen, das Auto abzuschließen, und kleine Kinder hätten sich überall unbehelligt bewegen können. Vier Tage später antwortete ein Leser mit der spitzen Frage, der Urlauber möge vielleicht keine Randalierer angetroffen haben, ob ihm denn aber die bewaffnete Polizei, die zensierte Presse und die Gefängnisse entgangen seien, die überfüllt seien mit Menschen, die bloß ihr Missfallen am Franco-Regime geäußert hätten.

          Wir lassen uns auch von Obama nichts sagen

          Dieser rhetorischen Frage lag freilich das auf der Magna Charta beruhende, freiheitliche Selbstverständnisses zugrunde, das zu den Mythen der Nation gehört. Es wird unter anderem veranschaulicht durch den beharrlichen Widerstand gegen den als Instrument von Polizeistaaten empfundenen Personalausweis. Der Historiker Robert Tombs, der in seiner vor zwei Jahren erschienenen Studie „The English and their History“ den kollektiven Erinnerungen der Nation nachgegangen ist, hat im Zusammenhang mit der Brexit-Debatte kürzlich von dem tiefsitzenden britischen Empfinden gesprochen, dass die Menschen selbst entscheiden sollten, dass sie nicht von einer Elite geführt oder von Ausländern gesagt bekommen sollten, was zu tun sei, „nicht einmal von denen, die wir mögen, wie Obama“. Nationale Mythen seien wichtig, argumentierte Tombs. Magna Charta und die Reformakte von 1832 bedeuteten, dass diejenigen, „die uns regieren, machen müssen, was wir sagen.“

          Das Prinzip der Souveränität, der parlamentarischen Demokratie und der zunehmende Unmut über die nicht gewählten Funktionäre in Brüssel, deren Eingriffe sich in der populären Phantasie mit allem vermengten, woran Anstoß zu nehmen sei, auch wenn es, wie so oft, gar nicht von der EU ausging, sondern von der beflissenen britischen Bürokratie, ist im öffentlichen Diskurs immer wieder zur Sprache gekommen; ebenso das nicht unberechtigte Empfinden, dass Europa ein veraltetes Modell sei, auf das der Satz zutreffe, mit dem Karl Kraus die Psychoanalyse als jene Geisteskrankheit abtat, „für deren Therapie sie sich hält.“

          Blimey, I’m a foreigner

          Diese rationalen Argumente gingen jedoch mit emotionalen Gefühlen einher, vor denen auch der hochrangige General Sir Michael Rose nicht zurückschreckte, als er vor wenigen Tagen seinen Widerstand gegen eine europäische Armee damit begründete, dass dann lauter europäische Soldaten in den britischen Kasernen einziehen würden und bei großen Paraden, wie dem offiziellen Geburtstag der Königin, die bunten Uniforme der Gardekavallerie durch das trübe Olivgrün europäischer Militärs ersetzt werden würde.

          Das bewegt sich auf dem Niveau der Hausfrau in „Passport von Pimlico“, die sich aus dem Fenster lehnt und sagt, „wir waren immer Engländer und werden es immer bleiben“. In dem Film endet die Belagerung des unabhängigen Bezirks mit einem Kompromiss und einer Rückkehr zum Status quo ante, der symbolhaften Ausdruck findet in den Regenschauern, welche die während des Ausnahmezustands herrschenden, unenglischen Hitzewelle vertrieben. In der wirklichen Welt, wo am Freitag morgen nach tagelangen Gewittern die Sonne schien, gibt es kein zurück mehr.

          „Blimey, I’m a foreigner“, erklärt der örtliche Bobby von Pimlico, als ihm klar wird, dass sein Bezirk nicht mehr zu England gehört. Viele Briten sind heute aufgewacht mit dem beklemmenden Gefühl, nicht mehr Teil von Europa zu sein. Was die Brexit-Anhänger als Befreiungsakt feiern, wirkt auf andere wie die Abkehr von einer europäischen Geisteshaltung, die das in die Silbersee gefasste Einod von seiner Insularität befreit hat.

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