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Gina Thomas (G.T.)

Briten fürchten Zuwanderungswelle : An der Wetterfront

  • -Aktualisiert am

Bild: dpa

Die britische Regierung will Migranten abschrecken, indem sie vor dem miesen Wetter warnt. Warum lässt sie dieses nicht ins Handbuch britischer Werte aufnehmen?

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          Der Wirbel um David Camerons Europa-Rede ist noch nicht abgeklungen, da macht sich im (noch) Vereinigten Königreich Panik über drohende Zuwandererwellen aus Rumänien und Bulgarien breit, deren Bürger am 1.Januar 2014 Zugang zum Arbeitsmarkt der Europäischen Union bekommen. Die britische Regierung soll eine negative Werbekampagne erwägen, um Migranten abzuschrecken: Sie solle vor dem notorisch schlechten Wetter warnen und vor den Hürden, die verhindern, dass Neuankömmlinge gleich das soziale Netz in Anspruch nehmen.

          Man stelle sich Plakate mit dem Refrain aus dem für viele Ausländer den Inbegriff des Britischen verkörpernden Broadway-Musical „My Fair Lady“ vor: „In Hertford, Hereford and Hampshire hagelt es höchst selten harmlos.“ Das setzt freilich voraus, dass die Alliteration, anders als im Englischen, die selbe negative Aussage hat wie in der deutschen Übersetzung und dass Bulgaren und Rumänen mit den Marotten des Phonetikers Professor Higgins vertraut sind. Vernetztes Denken scheint in der britischen Bürokratie nicht besonders ausgeprägt zu sein. Denn es läge nahe, den Abschreckruf mit dem Handbuch für Anwärter auf die britische Staatsbürgerschaft verständlich zu machen, welches das Innenministerium soeben überarbeitet hat.

          Yorkshire-Pudding und Margaret Thatcher

          Um den begehrten Ausweis zu erhalten, müssen Bewerber die englische Sprache (schottisches Gälisch und Walisisch gilt auch) beherrschen und beweisen, dass sie mit den „Werten und Grundsätzen“ vertraut sind, die das „Britischsein“ ausmachen. Zu diesem Zweck steht ihnen für 12,99 Pfund die Fibel „Life in the UK“ zur Verfügung. Die bringt ihnen bei, wo Stonehenge liegt, wer die Schlacht von Trafalgar gewonnen hat und wie alt die Königin ist. Das Büchlein zählt auf, dass die Briten sich großer Schriftsteller wie Kipling, Sir Arthur Conan Doyle und J.K. Rowling, großer Musiker wie Purcell und der Beatles, großer Komiker wie Monty Python, großer Erfinder wie (des eingebürgerten) Isambard Kingdom Brunel, großer Sportler wie des Cricket-Spieler Ian Botham, großer Premiers wie Churchill und Margaret Thatcher und großer Institutionen wie der „Last Night of the Proms“ rühmen. Dass sie gern Yorkshire-Pudding essen, ins Pub gehen und über sich selbst lachen können.

          Während das alte, von Labour edierte Handbuch praktische Informationen zu Sozialleistungen enthielt, vermittelt die neue Version ein rosarotes Tory-Bild des ruhmreichen Britannien - das genaue Gegenteil des Landes, das die in Aussicht gestellte Bleib-weg-Kampagne beschreibt.

          Gina Thomas
          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

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