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Brief an Europa : Die Insel, die es nicht gibt

  • -Aktualisiert am

Ein abgründiges Symbol: die Europafahne Bild: dpa

Jedes Jahr lädt das slowenische Festival „Poetry and Wine" einen Schriftsteller ein, einen Brief an Europa zu schreiben. Diesmal hat Durs Grünbein die Aufgabe übernommen.

          10 Min.

          Er soll einen Brief schreiben an eine Unbekannte, das ist, um das Mindeste zu sagen, eine Herausforderung. Wenn es sich wenigstens um eine unbekannte Frau handelte und er könnte jemandem damit einen Gefallen tun, so wie damals beim Militär, als er den Gefühlsanalphabeten unter den Kameraden dabei half, ihre Liebesbriefe abzufassen. Aber wie soll er sich an eine Gestalt aus der Mythologie wenden? Eine Figur, die nur im Reich der Fiktion je existiert hat? Auch wenn es für sie ein historisches Vorbild gegeben haben mag, die phönizische Königstochter aus Sidon, einer antiken Siedlung im heutigen Libanon. Er soll einen Brief schreiben an eine Personifikation, Opfer einer Gewalttat, die auf dem Rücken eines göttlichen Stiers übers Meer entführt wurde, nicht ganz ans andere Ufer, nur bis zur Insel Kreta, und dafür schließlich zur Namenspatronin eines ganzen Kontinents wurde. Er soll an Europa schreiben: die Frau, den Erdteil, die Verkörperung, einen Staatenbund, eine Idee? Nein, daraus wird nichts.

          Wer will schon zu einem Fresko sprechen, einer Skulptur, einem Vasenbild? Aber er tut das fast jeden Tag. Auf seinem Schreibtisch steht eine Statuette, ein kleines Fragment aus geflecktem Marmor, das er eines Tages bei einem Pariser Antikenhändler gekauft hat. Meistens vergißt er sie, wenn er beim Schreiben auf seinen Bildschirm starrt. Manchmal aber faßt er sie doch ins Auge, streichelt sie mit den Fingerkuppen, wird wieder rückfällig, und alles fängt wieder von vorn an – eine Sehnsucht, die immer ungestillt bleibt.

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