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Gastbeitrag : Der Krieg kommt zu uns

  • -Aktualisiert am

Unter der Fackel der Freiheit: Pariser Bürger versammeln sich am Place de la République Bild: dpa

Eingeladen zum Pariser Klimagipfel, muss ich am Bildschirm verfolgen, wie gerade ein Stück der urbanen Welt untergeht. Botschaft an alle Friedliebenden: Der IS führt Krieg.

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          Eingeladen war ich zu einem der Vorbereitungsgespräche zum Klimagipfel (COP21), der in Kürze vor den Toren der Stadt ein weltweit verbindliches Klimaabkommen erarbeiten soll. Umweltministerin Ségolène Royal spricht Dank für die geleistete Arbeit aus, dreihundert Klima-Aktivisten sind gekommen und ergehen sich im Garten des Palais am Boulevard Saint-Germain.

          Konferenzpausen nutze ich für Abstecher zu den Plätzen, die ich in den vergangenen Jahrzehnten oft genossen habe: Bistros und Museen, Läden, Musikhallen und Flaniermeilen. Eine Journalistin weist seltsam bedrückt auf die Allgegenwart von Polizei und Militär hin: „Kommen Sie gut heim!“ Doch ich möchte bleiben, am kommenden Nachmittag wird auf dem Friedhof Père Lachaise André Glucksmann beerdigt, dessen Ableben die Titelseiten der Zeitungen füllt. „Wer ein Leben gerettet hat, rettet die ganze Welt“, sagt ein Plakat vor der Friedhofshalle über diesen ausgemachten Gegner des Bösen.

          Pflichten rufen mich zurück, so entkomme ich dem Inferno, das ich daheim am Fernseher mitverfolgen muss. Ich schaue entgeistert in die Röhre, für mich geht die urbane Welt unter, in die ich noch einmal für einige Stunden eingetaucht war.

          Im Bekennerschreiben heißt es, der IS habe sich das Stade de France, die Cafés und die Konzerthalle bewusst ausgesucht: Kalten Herzens schlagen die Attentäter zu, wo wir uns erfreuen, haben uns genauestens ausgeforscht. Der IS rekrutiert unter denen, die sich von der lasterhaften Popkultur, in der sie selbst groß geworden sind, in einer radikalen Konversion abgewandt haben. In Frankreich „integriert“ zu sein, wie es ihre älteren Brüder anstrebten, wäre für sie die größte Entehrung.

          Der Krieg kommt zu uns

          Der Wille zur Macht erwächst einem afterreligiösen Weltbild, das der vorgefundenen säkularen Ordnung diametral entgegensteht. Er lässt sich nicht länger auf Erfahrungen mit Exklusion und Prekariat reduzieren, auch der Riss durch ihre Familien oder Bilder aus Gaza oder Bagdad und Bomben auf Kinder reichen nicht zur Rechtfertigung und für Verständnis bei Glaubensbrüdern und manchen Westlern, die den Westen auch nicht mögen.

          Der IS hätte eine wichtige Etappe geschafft, wenn Europa sich unter der Wucht der Angriffe und Ängste aufgäbe und die Grenzen im Inneren wieder hochzöge. Und wenn die Staaten keine Flüchtlinge, häufig ja Muslime, mehr hineinließen, die sich der Tyrannei von Al Qaida und IS entziehen wollen. Immer noch sie sind ja die Hauptbetroffenen des Terrors.

          Leo Trotzkis Mahnung an friedliebende Genossen bewahrheitet sich: „Ihr mögt euch nicht für den Krieg interessieren, aber der Krieg interessiert sich für euch.“ Ob die COP21 stattfindet, steht in den Sternen. Alle wollen vom Klima reden, der IS führt Krieg.

          Videografik : Die Anschläge von Paris

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