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Brief aus Istanbul : Wo Diebe Richter feuern und sich Politiker über neue Gefängnisse freuen

  • -Aktualisiert am

Die Scheiben werden teurer, die Scheiben werden dünner: Geschäft in Istanbul. Bild: Picture-Alliance

In der Türkei sorgt die Wirtschaftskrise für horrende Preise und leere Regale – nur die Korruption von Erdogans Partei AKP wächst immer weiter.

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          Im staatlichen wie im privaten Sektor werden Eröffnungen in der Türkei stets mit bombastischen Zeremonien vollzogen. Der Rang des Politikers, welcher der Einweihung beiwohnt, richtet sich nach der Größe des jeweiligen Projekts. Ob bei einer Grundsteinlegung oder Indienststellung – das Protokoll ist in etwa immer gleich. Für die geladenen Gäste von Rang wird vor dem einzuweihenden Objekt, was immer es sein mag, eine Sitzgelegenheit geschaffen. Man stellt Tischchen mit hübsch verzierten Decken vor sie hin, darauf Gläser und Wasserflaschen. Es wird für eine eifrige Gruppe von Claqueuren gesorgt, die dem Politiker applaudiert.

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          Nach der Rede wird die Kordel, deren Enden zwei junge Mädchen in Händen halten, von der ranghöchsten Person unter den Anwesenden genau in der Mitte entzweigeschnitten. Selbstverständlich unter Applaus. Denken Sie nicht, derlei Zeremonien würden nur bei Megaprojekten wie der neuen Bosporusbrücke oder dem neuen Istanbuler Flughafen veranstaltet. Erst letzte Woche wurde in einer Stadt nahe Istanbul eine von einem japanischen Unternehmen errichtete öffentliche Bedürfnisanstalt mit einer ähnlichen Zeremonie eingeweiht, der Bürgermeister fehlte nicht. Unsere Politiker sind begeisterte Einweiher; sie lieben es, besonders vor Wahlen, den Bürgern vorzuführen, was sie alles umgesetzt haben.

          Bülent Mumay
          Bülent Mumay : Bild: privat

          Nun eignet sich die aktuelle Wirtschaftskrise nicht sonderlich für Eröffnungsfeiern. Die Türkei erleidet eine massive Kapitalflucht. Weder kommen neue Investoren aus dem Ausland, noch wissen einheimische Investoren, wie sie ihre Milliardenschulden im Ausland begleichen sollen. Deshalb erleben wir kaum noch Einweihungen, bei denen mit Applaus Kordeln durchschnitten werden. Mit Ausnahme von Projekten wie dem Flughafen, für deren Bau der Staat Milliardenschulden aufnimmt, die noch unsere Enkel abzahlen werden.

          Lieber Bohnen statt Döner

          Aber ich will nicht ungerecht sein, noch gibt es Meldungen über Eröffnungen, allerdings nicht für Projekte, die für Produktion und Beschäftigung sorgen. Kürzlich wurde ein Friedhof für Gefallene eingeweiht, andernorts der Grundstein für ein Gefängnis gelegt. Eine von Erdogans Partei geführte Kommune richtete einen Friedhof für Soldaten ein, die im Kampf gegen die PKK im Südosten des Landes fallen. Die Sache hat nur einen Haken: In der Stadt gibt es bisher keine im Anti-Terror-Kampf Gefallenen. Gleichwohl weihte die Stadt vorausschauend den Fiedhof ein. Offenbar ist man sich sicher, dass kein Frieden in Sicht ist und der Kurdenkonflikt fortdauert. In einer anderen Stadt wurde eine Zeremonie zum Baubeginn einer Haftanstalt abgehalten. In seiner Ansprache brachte der geladene AKP-Abgeordnete seine Freude über das Gefängnis für 4000 Insassen mit folgenden Worten zum Ausdruck: „Schon bald können wir die Vollzugsanstalt eröffnen, sie wird wie eine Fabrik ohne Schornstein funktionieren, ich wünsche ihr viel Glück!“ Die Regierenden sind stolz darauf, Gefängnisse einzuweihen, aber es gibt auch für jene, die in, zumindest partieller, Freiheit leben, manche kleine Eröffnung zu feiern. Allerdings gibt es zehnmal so viele Schließungen wie Eröffnungen.

          Kleine und mittlere Betriebe leiden besonders unter der Krise. Offiziellen Angaben zufolge machten in den ersten zehn Monaten dieses Jahres für jeden neueröffneten Betrieb elf andere dicht. Neben der Arbeitslosigkeit belasten die hohen Lebenshaltungskosten die Menschen der unteren und mittleren Schichten. Erdogan gelingt es indes, noch im happigen Anstieg der Fleischpreise Anlass für Stolz zu sehen. „Dass die Fleischpreise steigen, liegt daran, dass unser Wohlstand wächst“, sagte er. Unsere Mitbürger leben in derartigem Wohlstand, dass sie nicht einmal Fleisch kaufen können! Offenbar ist unser Wohlstand uns jetzt zum Problem geworden.

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