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Brief aus Istanbul : Erdoğan hechelt hinterher

  • -Aktualisiert am

Der übliche Gruß: Recep Tayyip Erdogan bei einer Versammlung der AKP. Bild: Getty

Die wirtschaftliche Lage in der Türkei ist düster, die internationale Kritik an der türkischen Regierung wird lauter. Was macht der Präsident? Er greift zum Basketball.

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          In meinen letzten Briefen habe ich Ihnen dargestellt, dass es für Erdoğan nicht gerade rundläuft. Ich habe geschildert, wie die Zustimmung zu Erdoğan und seiner Partei AKP sank, auch wenn es noch zwei Jahre bis zum Wahljahr 2023 hin sind, und die Regierung durch die Wirtschaftskrise erodiert. Solcherlei negative Nachrichten machen den Palast nervös. Die jüngsten Entwicklungen in der Innenpolitik aber beunruhigen Erdoğan noch weit mehr.

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          Erdoğan sagt ja, er persönlich sei für die Wirtschaft verantwortlich; seine Politik macht es den Menschen von Tag zu Tag schwerer, über die Runden zu kommen. Die Wirtschaft ist vom Ausland abhängig, das Geld, das uns zur Verfügung steht, ist immer weniger wert. Im Oktober ist die türkische Lira die Währung des Jahres 2021 mit der stärksten Abwertung überhaupt. Die offizielle Inflationsrate liegt bei 19,58 Prozent. Die Realität in den Supermarktregalen weicht allerdings stark ab von der Rate, die Erdoğans Beamten nennen. Um nur einige Grundnahrungsmittel aufzuführen: Innerhalb eines Jahres stieg der Preis für Eier um 70 Prozent, für Hähnchen um 69 Prozent, für Sonnenblumenöl um 58 Prozent, für Linsen um 52 Prozent. Auch die Berechnung unabhängiger Wissenschaftler der Gruppe ENAG straft die vom Palast verkündete Rate Lügen, ihr Wert für August liegt bei 44,7 Prozent.

          Studenten schlafen im Park

          Mittlerweile nehmen die Leute nicht für einen Wohnungs- oder Autokauf oder um sich selbständig zu machen, Kredite bei der Bank auf, sondern um über die Runden zu kommen. 75 Prozent der Bankkredite werden von Arbeitnehmern aufgenommen. Und wenn die Kredite fällig sind, geht es mit der Wirtschaft wie auch mit der Kaufkraft der Bürger weiter bergab. Von den gut 80 Millionen Einwohnern des Landes haben 34,4 Millionen Verbraucherkredite oder Kreditkartenschulden am Hals. Die Zahl derer, gegen die rechtliche Schritte eingeleitet wurden, weil sie ihre Schulden nicht bezahlen können, ist um 82 Prozent hochgeschnellt. Und glauben Sie nicht, die Leute würden Kredite nur bei Banken aufnehmen. Vorletzte Woche zierte ein aufschlussreiches Plakat die Regale einer Supermarktkette: „Supermarktkredit mit 18 Monatsraten, jetzt beantragen!“

          Bülent Mumay
          Bülent Mumay : Bild: privat

          Der Präsidentenpalast, der den Bürgern empfiehlt, zum Sparen die Portionen zu schmälern, gibt täglich sieben Millionen Lira aus (fast 700.000 Euro). Bei uns kommen immer weniger Teller auf den Tisch, die Küchenausgaben des Palastes sind binnen Jahresfrist um 64 Prozent gestiegen. Während Erdoğan in seinem 1000-Zimmer-Palast schläft, nächtigen Studenten im Park, weil sie keine Bleibe finden, da die Mieten innerhalb eines Jahres zwischen 70 und 290 Prozent angestiegen sind. Als Studenten legen sie sich schlafen und wachen dann natürlich als „Terroristen“ auf. Die beste Reaktion auf Erdoğans entsprechende Anschuldigung kam von Meral Akşener, Chefin der IYI-Partei im Oppositionsblock: „Willkommen beim Programm Terrorist der Woche mit Herrn Erdoğan!“

          Luxus in New York

          Und was tut Erdoğan unterdessen, nachdem er Studenten, die aus Geldnot im Park übernachten mussten, als Lügner und Terroristen bezichtigt hatte? Er eröffnete in New York ein „Türkisches Haus“, das 291 Millionen Dollar gekostet hat. Und wie, denken Sie, hat er die Strecke von seinem Hotel in Manhattan zur Eröffnung zurückgelegt? Selbstverständlich in zwei Dienstwagen der Marke Mercedes S 600 Guard, die ein Militärjet aus der Türkei in die USA gebracht hatte. Machen wir weiter mit Pomp und Luxus: Die vom internationalen Konsortium investigativer Journalisten ICIJ veröffentlichten Pandora Papers haben einen interessanten „Zufall“ aufgedeckt. Deutsche Welle Türkisch, Mitglied im Konsortium, publizierte Unterlagen, die belegen, dass die Rönesans Holding, die maßgeblich am Bau des 1000-Zimmer-Palastes beteiligt war, während der Bauphase 210 Millionen Dollar auf eine der Inseln im Steuerparadies transferierte. Die Hälfte der Summe, die auf dem Offshore-Konto landete, also 105 Millionen Dollar, wurde kurz darauf als „Spende“ auf ein unbekanntes Konto weiterüberwiesen. Wahrscheinlich fragen auch Sie sich, warum die „Spende“ nicht aus der Türkei erfolgte, sondern von einem Konto auf den Britischen Jungferninseln und an welche Adresse sie ging. Eines Tages werden wir es erfahren.

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