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Brief aus Istanbul : Der Fall des Hochmütigen

  • -Aktualisiert am

Nach einer Ansprache zu den Kommunalwahlen verlässt der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan am Sonntag in Istanbul die Bühne. Bild: Picture-Alliance

Notgedrungen hatte sich der Staatspräsident bei der Kommunalwahl auf ein Glücksspiel eingelassen. Schließlich half alles Drohen und Flehen nicht: Wieso Erdogan die Wahl in der Türkei verloren hat.

          Die Kommunalwahlen vom letzten Sonntag in der Türkei endeten nicht bloß mit der Niederlage eines Politikers (beziehungsweise gewählten Tyrannen) auf dem Gipfel seiner Macht. Wir erlebten den Absturz eines gewaltigen Hochmuts, der bereit war, alles für den Sieg zu tun. Bei den Wahlen schlugen sämtliche Initiativen Erdogans zum Erhalt seiner Macht fehl. Er regiert die Türkei seit siebzehn Jahren und weiß genau, was geschieht, wenn ein Stein aus der Mauer gezogen wird. Was unternahm er nicht alles, um nicht zu unterliegen. Keiner seiner Schritte konnte verhindern, dass zahlreiche Großstädte, darunter Istanbul als Schlüssel der Politik in der Türkei, nach 25 Jahren an die Opposition gingen.

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          Seit seinem Regierungsantritt 2002 verhinderte Erdogan das Entstehen einer starken Opposition. Er unternahm alles, um den Block der Opposition, der sich gegen sein nach dem Putschversuch vom 15. Juli 2016 eingegangenes Bündnis mit der ultranationalistischen MHP gebildet hatte, auszuschalten. Antireligiöse Affronts bemühte er ebenso wie Landesverrat. Bei seinen Wahlkampfveranstaltungen überzog er die Parteichefs der Opposition mit Beschimpfungen, bezichtigte sie der Terrorunterstützung und drohte ihnen mit Verhaftung. Er trat im staatlichen Fernsehen auf und erklärte, gewännen die Widersacher, würde man aufgrund geheimdienstlicher Erkenntnisse Operationen einleiten. Nichts von alldem wirkte sich auf das Wahlergebnis aus.

          Während er drohte, sendete er auch unterschwellig emotionale Botschaften aus für den Fall, dass die Wähler ihn abstrafen. Wiederholt leitete er seine Sätze an die Menschen, die zu seinen Kundgebungen kamen, mit „bitte“ ein: „Bitte helft uns. Bitte seid nicht gekränkt oder beleidigt. Bitte beachtet die Botschaften, die wir ausgegeben haben. Bitte lasst nicht zu, dass unsere Stimmen gespalten werden.“ Als ihm klar wurde, dass die Wähler ihm die nötige Unterstützung verweigern würden, formulierte er seine Forderung deutlicher: „Es mag Fehler geben, aber diese Wahl ist nicht die Wahl für Denkzettel.“ Als er erkannte, dass er verlieren würde, stellte er sich als alternativlos hin: „Manche sagen, Erdogan soll weg, gut, soll er gehen, aber wen wollt ihr denn sonst der Nation empfehlen?“ Keiner dieser Schritte vermochte abwandernde Wähler aufzuhalten.

          Bülent Mumay

          Es gab diesmal keine äußeren Feinde, die er bemühen konnte. Weder Merkel noch Trump konnte er auf den Kundgebungen instrumentalisieren. Da er aufgrund der Wirtschaftskrise die Staatschefs der wohlhabenden Länder nicht gegen sich aufbringen durfte, übte er sich im Schattenboxen gegen einen imaginären Gegner. Er erklärte „George“ zum Feind, so nennt man in der Türkei einen anonymen Ausländer, und drohte ihm: „Wenn Sie Ihren Dollar haben, haben wir unseren Allah. Hey, George, wir werden euch noch oft zur Rechenschaft ziehen!“ Und er drohte, die seit Jahrzehnten als Museum genutzte Hagia Sophia wieder zur Moschee zu machen.

          Auch „George“ zur Zielscheibe zu machen fruchtete nicht. So erklärte Erdogan die Abstimmung über die Bürgermeisterposten zur Zukunftsfrage für den ganzen Staat. Er behauptete, die Sicherheit der Türkei sei in Gefahr und Terror würde das Land erobern, sollte er die Kommunalwahlen verlieren. Die Kader von Erdogans AKP stiegen auf diese Rhetorik ein. Der AKP-Abgeordnete Metin Külünk sagte kurz vor der Wahl: „Die sechste Flotte der Nato hält sich auf hoher See vor der Türkei bereit. Wenn wir verlieren, kommen sie, um uns zu besetzen.“ Der AKP-Bürgermeister Ali Murat Alatepe mahnte mit Verweis auf seinen Bezirk: „Wenn wir Esenyurt verlieren, verlieren wir auch den Islam, Jerusalem und Mekka.“

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