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Brief aus Istanbul : Wie die Türkei ihre Bürger impft

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Unter Koalitionspartnern: Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan (l.) Anfang Januar zu Besuch beim MHP-Vorsitzenden in Ankara Bild: Turkish Presidency / Murat Cetinmuhurdar / Anadolu Agency

Die AKP-Fraktion im türkischen Parlament wurde noch vor der Risikogruppe der über Neunzigjährigen geimpft. Und beim Import der Vakzine aus China erlebt das Land interessante Zufälle.

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          Was man unter einem guten Leben versteht, ist von Mensch zu Mensch verschieden. Manche brauchen Freiheiten. Für andere sind Kunst und Literatur unabdingbar. Den einen hält Musik aufrecht, den anderen Reisen. Für uns in der Türkei ist das meiste von alledem Luxus. Wir haben viel grundlegendere Bedürfnisse: satt werden und am Leben bleiben. Mit der Entfernung von Demokratie und Freiheit sind uns nur die existentiellen Bedürfnisse geblieben. Oder besser gesagt: nicht geblieben. Die wichtigsten Punkte der Agenda lauten Brot und Impfung. An beide kommt man nur mit Mühe.

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          Fangen wir bei der Covid-19-Impfung an. Seit der zweiten Jahreshälfte 2020 nahmen weltweit die Vorbereitungen für das Impfen Fahrt auf. Aus vielen Ländern von den Vereinigten Staaten über Großbritannien und Deutschland bis China trudelten Meldungen über Impfungen ein. Länder, die frühzeitig handelten und genug Geld in der Kasse hatten, bestellten Vakzine und reservierten sich Impfdosen. Uns dagegen genügte es, auf Impfstoffe zu setzen, die sich in Testphase drei bewähren und von verlässlichen Gesundheitsautoritäten bestätigt sein würden. Alles, was wir vom Biontech-Vakzin, das hierzulande als „von Türken entdeckt“ propagiert wird, abbekamen, war der „Stolz“. Der unter Leitung von Özlem Türeci und Ugur Sahin entwickelte Impfstoff füllt bei uns nicht die Regale, sondern bloß die Zeitungsschlagzeilen.

          Der einzige Impfstoff, den die Regierung kaufen konnte, das heißt, von dem sie sagt, sie habe die Lieferung von fünfzig Millionen Dosen „vereinbart“, ist CoronaVac, das bisher nicht einmal China für breite Verwendung zugelassen hat. Die Türkei mit ihren gut 83 Millionen Einwohnern braucht 150 Millionen Dosen. Bislang konnten wir gerade einmal acht Millionen importieren. Die erste Lieferung bestand aus 1,5 Millionen Dosen. Dem Prioritätenplan gemäß wurden zunächst die Beschäftigten im Gesundheitswesen geimpft. Allerdings gab es auch andere, die offenbar mindestens so große Priorität haben wie medizinisches Personal. Die aus fünfzig Personen bestehende AKP-Fraktion im Parlament wurde noch vor der Risikogruppe der über Neunzigjährigen geimpft.

          Bülent Mumay
          Bülent Mumay : Bild: privat

          Sonderbar mutete nicht allein an, dass die am stärksten gefährdete Gruppe die AKP-Führung sein soll. Interessante Zufälle erlebten wir auch beim Import der Vakzine aus China. Die erste Lieferung von 1,5 Millionen Dosen kam einige Tage nach dem angekündigten Datum an. Welch ein Zufall: Unmittelbar vor der Landung des Flugzeugs mit dem Impfstoff auf dem Istanbuler Flughafen wurde dem Parlament ein Gesetz zur Abschiebung in der Türkei lebender Uiguren nach China vorgelegt. Die Kette der Zufälle geht weiter. Erdogan erklärte, die zweite Lieferung mit zehn Millionen Dosen käme innerhalb weniger Tage. Auch sie verzögerte sich. Es ist natürlich reiner Zufall, dass, während wir auf den Impfstoff warteten, einige der Uiguren, die Verwandte in chinesischen Lagern haben, in Istanbul festgenommen wurden. Anschließend kam die zweite Lieferung. Allerdings nicht zehn Millionen, sondern 6,5 Millionen Dosen. Offenbar reichte die Anzahl der Festnahmen China nicht.

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          So schwierig es für uns ist, an Impfstoff zu kommen, so schwierig ist es auch, wenn es um Brot geht. Die Wirtschaftskrise hat mit der durch Covid-19 verursachten Flaute eine tragische Dimension angenommen. Einer Studie der großen Gewerkschaft DISK zufolge sind sieben von zehn Personen verschuldet, jedes zweite Kind ist von Armut bedroht. Die Armut bei Erwerbstätigen ist doppelt so hoch wie in Europa, vierzig Prozent von ihnen leben unterhalb der Armutsgrenze. Wenn es so bei Menschen in Arbeit aussieht, können Sie sich vorstellen, wie Arbeitslose leiden. Sie haben nicht nur ihr Brot, sondern auch ihre Hoffnung verloren. Laut Angaben des Statistikamts ist die Anzahl jener, die die Arbeitssuche aufgegeben haben, in den letzten fünfzehn Jahren um 1136 Prozent gestiegen.

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