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Brief aus Istanbul : Wie die Militäroffensive Erdogan innenpolitisch nützt

  • -Aktualisiert am

Ein Mann schwenkt eine türkische Nationalflagge und feiert die Übernahme einer syrischen Provinz durch das türkische Militär. Bild: dpa

Präsident Erdogan führt in Syrien einen Feldzug gegen die Kurden. Kritik aus dem Ausland und Sanktionen nimmt er in Kauf. Um seine Macht zu erhalten, muss er die öffentliche Wahrnehmung in der Türkei verbiegen. Wie lange hält das vor?

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          Wenn Sie aus einigen tausend Kilometern Entfernung für eine deutsche Zeitung „Briefe aus Istanbul“ schreiben, ist es nicht gerade leicht, Heiteres aus dem Land zu berichten, in dem Sie leben. Auch ich würde wahnsinnig gern „weiche“ Nachrichten aus der Türkei bringen, die zwar zu den schönsten Regionen der Welt gehört, aber in den letzten Jahren auch zu den chaotischsten. In diesen Brief wollte ich mit Allerweltsthemen einsteigen, wie wir auf Türkisch sagen, von „Wetter und Wasser“ erzählen. Doch das ließen die Herren in Ankara nicht zu. Gerade fing ich von Gott und der Welt an, da startete die Türkei die Militäroffensive „Friedensquelle“.

          Zur türkischen Fassung der Kolumne
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          Warum will Erdogan den von Kurden kontrollierten Norden Syriens durch diese „Friedensquelle“ wässern? Hatte Ankara nicht fünf Jahre vor der Offensive die Grenze für ebendiese Kurden geöffnet, um sie in ihrem Kampf gegen den IS zu unterstützen? Zudem ist die organische Verbindung der PYD, die Nordsyrien von den islamistischen Monstern befreit hatte, mit der in nahezu aller Welt als „terroristisch“ eingestuften PKK ja nicht neu. Hatte Ankara nicht jahrelang Salih Muslim, den Chef der jetzt zur Terrororganisation erklärten PYD, freundschaftlich empfangen? Was ist geschehen, dass nun plötzlich die „Friedensquelle“ sprudelt?

          Dass Erdogan den kurdischen Kräften in Syrien den Krieg erklärt hat – Verzeihung, habe ich „Krieg“ gesagt? Lassen Sie mich das sofort korrigieren. Nicht Krieg oder so, es handelt sich um eine „Operation“. Erst vor wenigen Tagen erklärte Innenminister Süleyman Soylu alle, die das Wort „Krieg“ in den Mund nehmen, zu Verrätern. Nicht dass ich mich wegen Vaterlandsverrat vor Gericht verantworten muss! Ein zweites Wort ist ebenso gefährlich wie „Krieg“, nämlich „Frieden“. Am allergefährlichsten ist es, von „Invasion“ zu reden. Hunderteinundzwanzig Personen, die dieses Wort in den sozialen Medien benutzt haben, wurden schon festgenommen. Die Drohung aber, die die Europäer mehr als das Risiko einer Festnahme beunruhigt, kam von Erdogan: „Ganz einfach, wenn ihr versucht, unsere Operation als Invasion hinzustellen, öffnen wir die Grenzen und schicken die 3,6 Millionen Flüchtlinge zu euch ...“

          Bülent Mumay

          Bleiben wir also bei „Operation“. Warum startet die Türkei eine Operation gegen die kurdischen Kräfte, die Syriens Norden von der IS-Gefahr befreit haben? Fürchtet man, die Kurden in der Türkei könnten sich die in Nordsyrien gebildete autonome kurdische Region zum Vorbild nehmen? Hat Ankara erschreckt, dass die Kurden, die im Norden des Iraks seit langem Autonomie haben, sich mit der PYD vereinen und einen kurdischen Korridor Richtung Mittelmeer bahnen könnten? Oder bestand das Problem darin, dass die Vereinigten Staaten in Vorbereitung einer eventuellen Operation in Iran sich einen neuen Verbündeten suchen? Dutzende ähnlicher Gründe könnten wir anführen. Neu ist kein einziger. Warum nun handelte Ankara gerade jetzt?

          Kein Rezept brachte die Wirtschaft wieder auf die Beine

          Hinter Erdogans Entscheidung, in Syrien einzumarschieren, stecken zwei „Pleiten“. Oder, besser gesagt, zwei aus diesen Pleiten resultierende Notwendigkeiten. Die erste ist diplomatisch. Erdogan schloss sich dem „Greater Middle East Project“ der Vereinigten Staaten an, um seine neoosmanischen Träume zu verwirklichen. Er rühmt sich, „Ko-Präsident“ dieses Projekts zu sein, und paktierte mit Amerika, um Assad, den er gestern noch „Bruder“ nannte, zu stürzen. Um unser Nachbarland zu destabilisieren, lieferten wir Waffen an „oppositionelle“ Gruppen, nahmen zur Behandlung auch Kämpfer auf, die in Gefechten mit Assads Armee verwundet worden waren. Erst letzte Woche schickten wir hier ausgebildete und ausgerüstete islamistische Milizen unter der Bezeichnung „Syrische Nationalarmee“ an die Front. Der Wunschtraum, großer Bruder der Muslimbrüder zu sein, wurde im Boden Nordsyriens begraben. Sowohl die IS-Monster als auch die von Ankara unterstützten islamistischen Milizen wurden von syrischen Kurden bezwungen. Nachdem der Friedensprozess mit den Kurden in der Türkei eingestellt worden war, wurden die syrischen Kurden, die mittlerweile Autonomiestatus hatten, zum natürlichen Alliierten Amerikas – und damit zum Gegner der Türkei.

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