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Brief aus Istanbul : Von Klein-Amerika zur Groß-Türkei

  • -Aktualisiert am

Kurden und Aleviten demonstrieren in Köln gegen Erdogan. Bild: dpa

Was haben Trump und Erdogan gemeinsam? Die Glaubensbücher in Griffnähe, Hunger auf Angst und eine wachsende Liebe zu Putin verbinden sie wie Seelenverwandte. Erwartet uns eine Fusionsbombe?

          4 Min.

          Die ersten Wahlen im Mehrparteiensystem der Türkei endeten mit einer deftigen Schlappe für die Gründer der modernen Republik. Die 1924 von Atatürk ins Leben gerufene Republikanische Volkspartei unterlag 1950 der von Abweichlern aus den eigenen Reihen gegründeten Demokratischen Partei. Das große Versprechen des neuen Ministerpräsidenten Adnan Menderes beeindruckte Anatolien. Es lautete: „Wir werden Klein-Amerika.“

          Klein-Amerika zu sein bedeutete für die Menschen damals, amerikanische Zigaretten zu rauchen und sich zu kleiden, wie man es heute nur noch von den Figuren aus der Fernsehserie „Mad Men“ kennt. Es hieß auch, die amerikanischen Produkte in den Händen zu halten, die aus Korea mitgebracht wurden, wohin wir, um in die Nato zu kommen, Soldaten geschickt hatten. Mit Ideen wie Liberalismus und Demokratie hatte die Amerika-Sehnsucht nichts zu tun.

          Unbeirrbare Taktiken

          Adnan Menderes endete leider wenig rühmlich. Er wurde gehängt, als kemalistische Militärs 1960 die Macht übernahmen. Die Hinrichtung eines Ministerpräsidenten hat die türkische Demokratie befleckt. Dieses Trauma und das daraus resultierende Opfergefühl brachte mit wenigen Ausnahmen rechte Parteien an die Macht. Menderes war für sie ein zentraler Bezugspunkt. Zu ihnen gehört auch Erdogans 2002 gegründete AKP.

          Man kann darüber streiten, inwieweit die Parole von „Klein-Amerika“ Gestalt annahm. Es weist allerdings manches darauf hin, dass sich Amerika nach der Präsidentschaftswahl in eine „Groß-Türkei“ verwandeln könnte. Taktiken, die Erdogan anwendet, brachten auch Donald Trump ins Weiße Haus. Beide steuerten unbeirrbar die Präsidentschaft an und zertrampelten alles auf dem Weg dorthin; beide scheuen sich nicht, die Gesellschaft zu polarisieren. Die Gemeinsamkeiten sind erstaunlich.

          Politisierter Rassismus

          Beide setzten ihren Wählern große Ideale vor. Erdogans Parole war jene von der „Neuen Türkei“. Jeder Schritt galt ihr, das schmeichelte dem Stolz der Wähler. Die Geschichte der Republik vor Erdogan gilt, um mit Erdogans Gattin Emine zu sprechen, als „Werbeunterbrechung“. Erst jetzt, mit Erdogan, beginnt die „Neue Türkei“. Der Spruch von Donald Trump klingt ähnlich: die Vereinigten Staaten von Amerika „wieder groß machen“.

          Beide Politiker scheuen sich nicht, die Religion der Mehrheitsgesellschaft politisch auszunutzen. Erdogan sagt gern: „Der Weg des Propheten Mohammed ist mein Fahrplan“, und hält bei Wahlkundgebungen einen Koran in die Höhe. Trump ruft: „Ich habe meine Bibel mitgebracht“, und schwenkt eine Bibel in der Luft. Beide werten den Glauben anderer ab. Erdogan sagt häufig, seine politischen Rivalen seien, anders als er, keine Sunniten. Über den Oppositionsführer Kiliçdaroglu sagte er mehrfach: „Sie wissen ja, er ist Alevit.“ Als Erdogan über Beleidigungen klagte, erklärte er: „Es gab noch weitaus hässlichere Äußerungen. Es gab sogar Leute, die mich einen Armenier genannt haben.“ Trump will Muslimen die Einreise in die Vereinigten Staaten untersagen.

          Journalismus ist der Feind

          Sowohl Erdogan als auch Trump nähren sich von Angst. Jede Schreckensnachricht nutzen sie für sich aus und behaupten, die Rettung liege einzig bei ihnen. Als Erdogan das Wahlergebnis vom 7. Juni 2015 nicht gefiel, wollte er die Wahlen wiederholen lassen. Kurz darauf versank der Osten der Türkei abermals im Blut. Auf Kundgebungen verlangte Erdogan: „Gebt uns 400 Abgeordnete, damit die Sache friedlich beigelegt wird.“ Trump nimmt nach jedem islamistischen Terroranschlag die Muslime als solche ins Visier.

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