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Brief aus Istanbul : Erdoğans russischer Spagat

  • -Aktualisiert am

Erdoğan bei einem AKP-Treffen am Mittwoch in Ankara Bild: Getty

Der Krieg, den Putin in der Ukraine führt, bringt auch Recep Tayyip Erdoğan in Bedrängnis. Er weiß kaum noch, wie er sich entscheiden soll.

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          „Zwischen zwei Moscheen zum Nichtbetenden werden“, lautet ei­ne schöne Redewendung im Türkischen. Es bedeutet, dass handlungsunfähig wird, wer sich nicht entscheiden kann, auf welche Seite er sich stellen soll. Mit diesem Spruch lässt sich An­karas Haltung angesichts der Krise be­schreiben, die durch Russlands Einmarsch in der Ukraine entstanden ist. Die Türkei gehört zwar der NATO an, hatte aber für 2,5 Milliarden Dollar das Luftabwehrsystem S-400 von Russland gekauft. Die Ra­keten verrotten aufgrund massiver Proteste aus dem Westen im Hangar, wir verkauften derweil an die Ukraine in einem Unternehmen von Erdoğans Schwiegersohn produzierte bewaffnete Drohnen für den Einsatz gegen den Hersteller des S-400-Systems. Diese Politik Ankaras sieht in den Augen mancher nach Balancehalten aus, in den Augen anderer aber nach Akrobatik, mit dem Einmarsch Russlands in die Ukraine kam sie jetzt zum Stillstand. Die von Moskau am 24. Februar gezündeten Raketen trafen nicht bloß die Ukraine, sondern auch Erdoğans Strategie, die darauf abzielte, sich den Konflikt im Kräfteverhältnis der Weltmächte zunutze zu machen.

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          Als Russland angriff, geriet auch die Türkei ins Schlingern. Unmittelbar nach dem Einmarsch empfahl Erdoğan der NA­TO, entschlossener gegen Russland vorzugehen. Bei der Abstimmung über die Aussetzung der Mitgliedschaft Russlands im Europarat dagegen enthielt sich derselbe Erdoğan, um Putin nicht zu verärgern. Um wiederum die USA und Europa nicht zu verstimmen, sperrte er mit Rückgriff auf die Bestimmungen des Vertrags von Mon­treux den Bosporus und die Dardanellen für die Durchfahrt russischer Kriegsschiffe. Nicht genug damit, er schickte gar eine neue Partie in der Türkei produzierter Drohnen in die Ukraine. Wenige Tage da­rauf sandte er eine inoffizielle Delegation nach Moskau. Der vom Palast reich ge­machte Unternehmer Ethem Sancak, der für seinen Ausspruch „Ich bin verliebt in Erdoğan“ bekannt ist, gab im russischen Fernsehen sonderbare Statements wie dieses ab: „Die NATO will Erdoğan mit Wahlen stürzen. Wir wussten nicht, dass die bewaffneten Drohnen zu diesem Zweck benutzt werden.“ Jetzt dreht sich Ihnen ver­mutlich der Kopf, oder?

          Bülent Mumay
          Bülent Mumay : Bild: privat

          Greifen wir die Redewendung vom An­fang auf: Erdoğans Bestreben, beide Mo­scheen zu hofieren, kommt nicht von un­gefähr. Bekanntlich bedroht die Besetzung der Ukraine die Sicherheit Europas wie auch den Zugang zu den Energiequellen. Diese Risiken gelten auch für die Türkei. Trotz des Erwerbs der S-400-Raketen ist die Türkei Mitglied der NATO und beim Gas von Russland so abhängig wie Deutsch­land. Die Krise hat aber zudem un­angenehme Ausmaße für die Türkei und speziell für Erdoğan. Aufgrund der Wirtschaftskrise befinden sind die Wählerstimmen für ihn im Sinkflug, weshalb er bis zu den Wahlen im nächsten Jahr ein Wunder schaffen will. Doch der 24. Februar hat Erdoğan drei weitere Rechnungen präsentiert: Weizen, Sonnenblumenöl und Tourismus.

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