https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/brief-aus-istanbul/tuerkei-wie-erdogan-liberale-kuenstler-wie-die-saengerin-guelsen-bekaempft-18301965.html

Brief aus Istanbul : Gib der Jugend keine Chance

  • -Aktualisiert am

Recep Tayyip Erdogan am 3. September auf dem „Teknofest Black Sea“, einer Flug- und Raumfahrtschau auf dem Flughafen Carsamba in Samsun. Bild: via REUTERS

Weil Erdogan islamistisch-konservative Wähler halten will, bekämpft er liberale Kulturschaffende wie die Sängerin Gülsen. Da er bei den Jungen nicht ankommt, nimmt ihnen der Präsident alles, was sie haben.

          4 Min.

          Vor den Wahlen, die für Juni 2023 angesetzt sind, gibt es zwei Fakten zu den Wählertendenzen für Erdoğan und seine Partei. Fakt eins, die Erosion der Stimmen für die Regierung hat diverse Kreise von Erdogan entfernt, am treuesten sind ihm die islamistisch-erzkonservativen Wähler geblieben. Selbst die aber sind wegen der Wirtschaftskrise längst keine so fanatischen Anhänger der Regierung mehr wie früher. Fakt zwei, ein großer Teil der jungen Wähler hat nicht vor, für Erdogan und seine AKP zu stimmen, die ihnen keine Zukunft bieten. Erdoğan ist sich dieser Tatsachen bewusst, scheint aber die abdriftenden jungen Leute bereits aufgegeben zu haben, um wenigstens die Konservativen zu halten. Je näher die Wahlen rücken, desto mehr versucht er, seine islamistischen Wähler glücklich zu machen, indem er die Nerven der jungen Leute kitzelt und mit reaktionären Maßnahmen in moderne Lebensformen eingreift.

          Zur türkischen Fassung der Kolumne
          Yazının Türkçe orijinalini okumak için tıklayın

          Der Sommer ist in der Türkei Festivalsaison. In diesem Sommer wurden nahezu zwanzig Jugendfestivals aus sonderbaren Gründen verboten. Manche wurden „aus Sicherheitsgründen“ abgesagt. Obwohl es keinerlei Probleme mit der Sicherheit gab. Bei anderen hieß es, es werde Alkohol konsumiert oder Mädchen und Jungen würden in denselben Zelten nächtigen. Um die Stimmen der konservativen Wählerschaft vor Ort nicht zu verlieren, wurde geopfert, was der Jugend Spaß macht, bei der ohnehin keine Stimmen zu holen sind. Was wir in den letzten Wochen erlebt haben, zeigt, dass die Regierung sich nicht darauf be­schränken wird, Festivals abzusagen, sondern immer wieder die Karte eines erschreckenden Islamofaschismus ausspielt, um die Wahlen zu gewinnen.

          Bülent Mumay
          Bülent Mumay : Bild: privat

          Mittlerweile wird es bestraft, wenn man sich über Imam-Prediger-Schulen lustig macht, deren Anzahl sich seit Erdoğans Regierungsantritt vervielfacht hat. Die Pop­sängerin Gülsen kam wegen einer Analogie ins Gefängnis, die sie im Scherz unter Freunden geäußert hatte. Erst am 25. August erinnerte man sich, warum auch immer, an ihre Worte vom April. Stunden nachdem diese über die regierungstreue Presse lanciert worden waren, wurde der Popstar wegen Volksverhetzung verhaftet. Dahinter steckt aber ein ganz anderer Grund. Gülsen hatte sich hinter LGBTI+-Personen gestellt und in den letzten Monaten bei Konzerten die Regenbogenfahne gezeigt. Der Regierung missfällt, wie sie sich in ihren Clips und Konzerten kleidet, sie bestrafte bereits Fernsehsender, weil sie entsprechende Aufnahmen von ihr gezeigt hatten. Mit Gülsens Verhaftung sendet die Palastregierung einen Gruß an die konservative Wählerschaft. Es geht vor allem darum, Gülsen zum Verstummen zu bringen und es ihr unmöglich zu machen aufzutreten. Nach einer Woche im Gefängnis wurde ihre Haft auf ihren Widerspruch hin in Hausarrest umgewandelt. Damit ist sichergestellt, dass Gülsen nicht auftreten kann, sich in der Öffentlichkeit nicht kleidet, wie sie will, und nicht länger die LGBTI+-Bewegung unterstützt.

          Wer nicht betet, riskiert sein Leben

          Es ist also eine Straftat, einen Witz zu machen. Aber ein Mordaufruf gegen eine Sängerin, die wegen eines Scherzes verhaftet wurde, ist der türkischen Rechtsprechung zufolge ganz normal. Ein konservativer Politiker hatte über Gülsen gesagt: „Es ist geboten, diese Frau zu töten.“ Er läuft weiter frei herum. Gegen Sender, die Gülsens Clips bringen, hagelt es Strafen, aber der TV-Kanal, in dem es hieß: „Musik treibt Menschen zum Ehebruch“, wird vom Staat nur „beobachtet“. Die Palastjustiz, die Gülsen zu Hausarrest verdonnerte, weil sie LGBTI+-Personen unterstützt, lässt auch einen Imam laufen, der Pädophilie für normal erklärte. „Arme, Brust, Beine, alles Mögliche ist nackt beim Kind, aber Pädophilie soll dann ein Frevel sein. Du bist es doch, der Pädophilie herausfordert“, lauteten seine Worte, die Justiz konnte darin keinen Straftatbestand entdecken.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Corona in China : Xi könnte zum Verlierer der Pandemie werden

          Unter dem Druck der Straße hat Xi Jinping einen Kurswechsel in der Corona-Politik eingeleitet. Es droht eine chaotische Öffnung mit vielen Toten. Noch dazu hat er viele Bürger gegen sich aufgebracht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.